Volkskrankheit Depression – Dürfen Christen auch darunter leiden?
Es spielt keine Rolle, ob es regnet oder die Sonne scheint. Für Menschen mit Depressionen ist jeder Tag grau. Können Christen davon auch betroffen sein? Schließlich heißt es doch: „Freut euch des Herrn“ (Psalm 97,12).
Sie ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung überhaupt: die Depression. Viele nennen sie schon die Erkältung unter den psychischen Krankheiten, denn die Zahlen sprechen für sich: Ungefähr jeder achte Mann und jede vierte Frau erkranken im Laufe des Lebens an einer Depression. „Was geht mich als Christ das an? Ich habe keinen Grund, traurig zu sein, also kann ich auch keine Depressionen bekommen“, könntest du jetzt denken. Dann muss ich dir jedoch sagen: Du irrst! An einer Depression zu leiden, bedeutet nämlich nicht, gelegentlich mal schlechte Laune zu haben oder wegen Zukunftsängsten oder einem Schicksalsschlag traurig zu sein, sondern es bedeutet, unter einer ernsten Krankheit zu leiden, bei der ärztliche Hilfe unbedingt notwenig ist.
Es gibt viele verschiedene Anzeichen für eine Depression. Ärzte unterscheiden dabei zwischen Hauptsymptomen wie Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit und schnellem Müdewerden sowie Nebensymptomen wie mangelnder Konzentration, gefühlter Wertlosigkeit, Schlafstörungen und manchmal Selbstmordgedanken. Allerdings ist nicht jeder, der sich mal antriebslos oder niedergeschlagen fühlt, automatisch depressiv. Ist der Arzt jedoch überzeugt, dass eine Depression vorliegt, ordnet er den Patienten ein: Je mehr Symptome auftreten, desto schwerer ist der Grad der Depression. Leider ist es jedoch so, dass eine Depression oft unerkannt bleibt – das ist das Gefährlichste an der Krankheit.
In einem englischsprachigen Forum, in dem es um Fragen und Antworten rund um das Christsein geht, steht folgende Aussage: „Obwohl viele Dinge schwierig sind, müssen Christen nicht an einer Depression erkranken.“ Diese Aussage ist ebenso gefährlich wie falsch! Wenn wir uns die Ursachen anschauen, die diese Krankheit auslösen, wird schnell klar, warum dies nicht stimmen kann:
So ist bei Depressionen zunächst einmal zwischen der endogenen und der exogenen Depression zu unterscheiden.
Endogene Depressionen kommen von innen her, sind auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückzuführen. Und zwar ist dort die Übertragung von Neurotransmittern gestört, das sind Stoffe, die helfen, Informationen weiterzuleiten. Wenn davon zu viele oder zu wenige vorhanden sind, verändert sich unsere Stimmung, ganz unabhängig davon, ob unser Leben ansonsten super läuft und uns eigentlich gar nichts bedrückt. Ein Mangel des Neurotransmitters Serotonin kann angeboren sein.
Exogene Depressionen dagegen kommen von außen, sind umweltbedingt. Sie werden im Wesentlichen durch belastende Lebensereignisse ausgelöst. Das kann beispielsweise der Tod eines Angehörigen, Mobbing, Missbrauch, oder auch die Trennung vom Partner sein. Auch ein Ortswechsel kann den Ausschlag geben. Bei solchen Ereignissen wird in der Regel Serotonin ausgeschüttet.
Darüber hinaus ist eine stärkere Mischform denkbar: Personen, bei denen eine Überfunktion des Parasympathikus, auch bekannt als „Ruhenerv“, vorliegt, reagieren besonders empfindlich auf die Ausschüttung von Serotonin. Tritt ein schicksalhaftes Ereignis wie Tod, Verlust oder ähnliches ein und wird infolgedessen Serotonin ausgeschüttet, so reagieren Menschen mit Parasympathikus-Überfunktion besonders stark darauf und werden depressiv. Da hier eine krankhafte Störung vorliegt, spricht man von einer endogenen Depression, obwohl exogene Faktoren beteiligt sind.
Neurobiologische Veränderungen im Gehirn sind heute recht gut mit Medikamenten zu behandeln. Am Anfang kann es dabei zu starken Nebenwirkungen kommen. Nach einigen Tagen und nach erfolgreicher „Einstellung“ des Patienten auf das Medikament, d.h. wenn die optimale Dosierung gefunden worden ist, sollte das Präparat allerdings gut verträglich sein.
Ärzte betrachten Depressionen übrigens oft mehr von der schulmedizinischen Seite, Psychotherapeuten richten ihren Blick dagegen in vielen Fällen verstärkt auf schicksalhafte Ereignisse im Leben ihrer Patienten. Hier und da treffen Patienten auch auf Psychotherapeuten, die den Standpunkt vertreten, dass jede Depression eine seelische Ursache hat. Gerade diese Therapeuten lehnen eine medikamentöse Behandlung oft ab.
Generell muss man wohl davon ausgehen, dass sowohl biochemische Ursachen (also Stoffwechselaspekte) als auch psychische Ursachen (sprich: seelische Gründe) bei der Entstehung von Depressionen zusammenspielen. Das wiederum spricht – auch wenn manch ein Experte das nicht hören mag – für einen Behandlungsmix, also für eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Allerdings gilt es, eine Gewichtung vorzunehmen: Bei der endogenen Depression sollte das Medikament an erster Stelle stehen, ergänzt durch Psychotherapie; bei der exogenen Depression sollte sich der Patient schwerpunktmäßig psychotherapeutisch behandeln lassen, wobei Medikamente unterstützend hinzugezogen werden.
Verstehst du jetzt, warum auch Christen unter Depressionen leiden können? Christsein schützt uns nicht vor Husten, Schnupfen und Fieber, und das gleiche gilt für Depressionen, zumindest dann, wenn es sich um die endogene Variante handelt. In den anderen Fällen mag es sein, dass die christliche Gemeinschaft Menschen, die einen harten Schicksalsschlag erlitten haben, derart stützt, dass es diesen als nicht so schlimm empfindet. Doch seien wir ehrlich: Stirbt ein naher Verwandter, dann ist viel Trost zwar hilfreich, trauern tut der Betroffene aber dennoch, und deshalb kann auch hier das Eintreten einer exogenen Depression nie ganz ausgeschlossen werden.
Die Aussage, ein guter Christ könne nicht an einer Depression erkranken, ist also Unsinn. Mehr noch: Das Fatale ist, dass die falsche Annahme einen betroffenen Christen noch tiefer in eine Depression stürzen kann. Denn ist ein Mensch bereits erkrankt und bekommt dann gesagt, er müsse nur „richtig“ glauben, um gesund zu werden, dann dürfte seine Verzweiflung immer größer werden.
Zugegeben: Es gibt Studien, denen zufolge solche Therapien erfolgreicher sind, die den Glauben mit einbeziehen; trotzdem dürfen wir nie vergessen, dass eine Depression eine Krankheit ist. Sie trifft Christen und Nicht-Christen. Erkrankt jemand daran, hat es nichts mit mangelndem oder falschem Glauben zu tun.
Wenn du dich also schon längere Zeit in einem Stimmungstief befindest, scheu’ dich nicht, sondern such’ einen Arzt auf. Wenn du eine Mittelohrentzündung hast, tust du das schließlich auch.
Und noch etwas: Achte auf deine Mitmenschen. Hast du das Gefühl, jemand könnte depressiv sein, überrede ihn zu einem Arztbesuch. Denn genau den scheut der Depressive oft. Er sieht sein Leben als sinnlos an und denkt, niemand könne ihm helfen – warum also zum Arzt gehen!?
Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Depressive erfahren heute mehr Hilfe denn je – und geht es dem Patienten erst einmal wieder gut, ist er dankbar, dass ihm jemand dazu verholfen hat. Seine fürchterlichen Gefühle sind dann weg, er ist wieder motiviert – und er kann sich kaum noch erklären, dass er tatsächlich und vor allem ernsthaft so fürchterliche Dinge wie „Ich bin nichts wert“ oder „Ich bringe mich um“ gedacht hat.
Franziska Bigalke
und Marcel Maack
P.S. Wenn du dich im Internet weiter über Depressionen informieren möchtest, pass’ bitte auf, wem du glaubst und wem nicht. Leider gibt es viel zu viele falsche und irreführende Aussagen. Gute Informationen bieten zum Beispiel diese Websites:
Link-Tipps:
Diagnose Depressionen
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