Kritisch: Vom Wert der eigenen Meinung
Eine Meinung hat man, weil man sie für richtig hält. Sonst hätte man ja eine andere. Manchmal braucht es aber auch eine kritische Rückfrage, um aus einer übernommenen Meinung einen eigenen, überzeugenden Standpunkt zu machen.
Ich hatte mir vorgenommen, einfach mal dagegen zu sein. Den Ruf habe ich als Journalist eh schon weg. Und da die Gelegenheit mitten in der Brain|Base, wie unsere Gemeindeversammlung heißt, günstig schien, erlaubte ich mir, ein paar kritische Fragen zu stellen: War die Location, in der wir seit drei Wochen Gottesdienst feierten, wirklich der ideale Ort? Übersahen wir nicht ein paar unpassende Details? Man, war das unbequem. Zwischen der Entscheidung für den Raum und der Gemeinschaft stand noch genau ein Hirn: meins.
Ich liebe Momente wie diesen, weil sie unsere Denkverbote und Harmoniesüchte offenlegen. Meine GemeindeVergangenheit kennt sie auch unter den Synonymen „fehlende Einheit“ und „mangelnde geistliche Reife“: Meinungsverschiedenheiten werden in vielen Gemeinden nicht gut ausgehalten. Dabei sollte es das Normalste der Welt sein, mit Menschen zu tun zu haben, die anderer Meinung sind – über sich, das Wetter, Schalke 04. Aber auch über die Auslegung der Jahreslosung oder die pastorale Begabung des Pastors.
Meinungen bestimmen, wie wir konsumieren, wen wir wählen, welche Zukunft uns blüht. Nicht umsonst werden unsere Meinungen in Umfragen eingeholt, ausgewertet, marktwirtschaftlich nutzbar gemacht. Meinungsforschungsinstitute sammeln Meinungsbilder, um diese Welt unseren Haltungen anzupassen. Denn nur da, wo sie die Meinungsmehrheit kennt, kann eine Partei regieren, der Fernsehsender Quote machen, der Lebensmittelriese Schokoriegel verkaufen. Mit unserer Meinung verändern wir die Welt um uns herum. Wir treffen die Entscheidungen, auch wenn wir davon wenig mitbekommen. Umso schlimmer, wenn wir meinen, es sei andersherum. Wir haben ein Recht auf eine eigene Meinung – ja mehr noch: wir brauchen eigene Überzeugungen, die sich nicht von selbst ergeben. Nicht umsonst spricht der Volksmund davon, sich eine Meinung zu bilden. Bilden fordert Bewusstheit.
Um uns herum schwirren Tausende von Überzeugungen. Jeder trägt sie mit sich herum, wie seine Haut. Meinungsvielfalt ist der Normalfall – alles andere wäre eine Überraschung, sobald wir mit mehreren Personen in einem Raum sind. Wo Vielfalt ist, da entsteht Reibung. Wie wir mit diesem Spannungspotenzial umgehen, hat zu großen Teilen mit unserer Erziehung zu tun. Wer selbst in einem Elternhaus aufwächst, in dem jede Meinungsabweichung mit schlechtem Gewissen quittiert wird, der lernt schnell, sich anzupassen und Konflikte unter den Teppich zu kehren. Das gilt umso mehr, wenn die Eltern sich auf Gott als höchste Autorität berufen: Wer will da schon anderer Meinung sein? Bis heute kämpft eine Freundin von mir damit, es bei Meinungsverschiedenheiten dem Gegenüber irgendwie Recht machen zu wollen, als hinge sonst der Haussegen schief. Schlimmer als die sachliche Dissonanz wiegt bei ihr die zwischenmenschliche Verstimmung, wenn sie jemanden mit ihrer Meinung enttäuscht. Kein Wunder, dass ihr eine eigene Meinung schlichtweg zu „teuer“ ist. Ganz anders geht es dem, der als Teenager ermutigt wurde, sich argumentativ für seine Rechte und Forderungen einzusetzen. Weil er gelernt hat, die Spannung abweichender Meinungen auszuhalten, um sich von der vorherrschenden Meinung freizuschwimmen. Fakt ist: Die allermeisten Beziehungen – allemal die zu den Eltern und guten Freunden – ertragen ein gesundes Maß an Dissonanzen.
Was braucht mehr Liebe – sich an der fremden Meinung abzuarbeiten und gleichzeitig wertschätzend zu sein, oder Konflikten aus dem Weg zu gehen? So manche Gemeindeleitung legt mehr Wert darauf, an ihrer Konfliktfaulheit statt der gegenseitigen Liebe erkannt zu werden. Pastoren mit uneingeschränkter Deutungshoheit sind die Antithese zum geistgewirkten Gemeindebau. Wenn dann noch Machtstrukturen geflochten werden, um für die eigene Meinung eine Mehrheit in der Gemeinde zu finden, ist es in meinen Augen mit der Liebe vorbei. Nicht jede Gemeindekultur ermutigt dazu, sich mit der eigenen Sprache, den eigenen Zweifeln, den eigenen Grundhaltungen ins Gemeinde leben einzubringen. Das Ergebnis sind Konformität und Oberflächlichkeit.
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Text: Pascal Görtz, erlaubt sich seine Meinung in der dran-Redaktion. Vom Recht auf eigene Meinung macht er gerne hin und wieder Gebrauch.
Quelle: dran. Das Magazin zum Selberglauben. Neunmal im Jahr Tiefgang für das leidenschaftliche Leben mit Gott! www.dran.de
