Eine Reise nach Kairo: Das Reisetagebuch von Tibby (Teil 1)
Als ich die ersten Bilder sehe, die meine Freundin bei ihrer Ankunft in Ägypten geschossen hat, weiß ich sofort: da will ich hin! Eine chaotische Flughalle, in der lauter Menschen in langen Gewändern herumlaufen …
Einen Kulturschock will ich, ein kleines Abenteuer erleben. Mal etwas anderes kennen lernen.
Knapp sechs Monate später ist es dann soweit: mein Koffer ist gepackt, auf geht es nach Kairo um meine Freundin zu besuchen. Beim Packen bin ich sehr unsicher gewesen. Was darf ich denn da überhaupt anziehen? Wie viel Ausschnitt ist erlaubt? Müssen die Röcke bodenlang sein? Und gehen überhaupt Jeans? Ich lass einfach alles auf mich zukommen.
Raus geht’s aus dem Schnee, rein in eine dreckige Welt, die nur aus Erdtönen zu bestehen scheint. Rein in 20 Grad und eine verpestete Luft.
Das erste, was ich hautnah erlebe, ist der Verkehr in Kairo. Natürlich ganz anders als in Deutschland: da gibt es keine Spurenbegrenzungen, keine Vorfahrt und kein Hupverbot. Jeder sucht sich seinen Weg durch das Chaos an alten Klapperautos, Unmengen von Taxis und wenigen modernen Autos.
Wir brauchen mit dem Taxi für die gesamte Strecke zwei Stunden und bezahlen 70 Pfund, das sind ungefähr 8 Euro. Taxi fahren ist in Ägypten wirklich günstig, was auch an den geringen Stundenlöhnen und dem billigen Sprit liegt.
Meine Freundin hat mir schon glücklich verkündet, dass sie in einem der besten Viertel Kairos wohnt. In einem westlicheren Viertel. Als ich aus dem Taxi krieche, wundere ich mich total. Das soll das beste Viertel sein? Es ist dreckig, laut und es herrscht ein großes Durcheinander. Ungefähr so, wie man sich das dreckigste Viertel seiner eigenen Stadt vorstellt. Aber nach meiner Woche Kairo werde ich meiner Freundin recht geben: sie wohnt wirklich in einer netten Gegend. Schließlich gibt es um die Ecke zahlreiche westliche Geschäfte und Lokale, das macht schon einen enormen Unterschied.
Weil wir müde sind, gehen wir auswärts essen. Für Europäer lohnt sich selber kochen wirklich nicht: für eine komplette Mahlzeit bezahlen wir drei Euro. Alles ist so billig in Ägypten! Und bei jedem Restaurant kann man sich etwas nach Hause bestellen. Sogar Kentucky Fried Chicken, Pizza Hut und McDonalds liefern aus.
Todmüde falle ich am Abend ins Bett. Es ist einfach alles anders! Und was die Situation wirklich schwierig macht, ist natürlich die Sprache. Von der verstehe ich nämlich kein Wort, und nicht einmal lesen kann ich sie. Ich fühle mich ziemlich verloren. Aber meine Freundin kann mir glücklicherweise helfen.
In meiner ersten Nacht in Kairo wache ich früh morgens plötzlich auf. Es ist noch dunkel und durch das geschlossene Fenster schallt der Ruf des Muezzin. „Allah ist groß“ ruft er auf arabisch, ich verstehe kein Wort. Jetzt sollten alle Muslime beten.
Für mich wirkt dieses Gesinge beängstigend. Vielleicht liegt das daran, dass ich zu negativ geprägt bin, vielleicht liegt es daran, dass ich nichts verstehe und dass es so dunkel ist. Aber auch am helllichten Tage gefallen mir die Rufe von der Moschee nicht wirklich. Man hat keine Chance, ihnen zu entkommen, dafür sind sie einfach zu laut.
An meinem ersten Kairotag spazieren wir erst mal durch die Stadt und besuchen das alte koptische Viertel. Hier stehen die Kirchen der ältesten Christengemeinde. Kirchen in Kairo, in einem muslimischen Viertel, das ist etwas Besonderes. Mir schießen viele Gedanken durch den Kopf. Hier sind Christen in der Minderheit, werden sogar von Extremisten bedroht und getötet. Und umso wichtiger scheint ihnen ihr Glaube zu sein: die Kirche ist quietschbunt mit Lametta und Luftballons geschmückt, um den Geburtstag von Jesus zu feiern. Für meinen westlichen Geschmack ist das natürlich viel zu kitschig. Aber ich bewundere die Kopten trotzdem für ihren Mut, mitten in einer islamischen Welt den eigenen Glauben auszuleben. Das ist ein Mut, der uns wohl verloren gegangen ist.
Seltsam ist, was wir in dem großen Garten und dem Friedhof rund um die Kirche erleben. Lauter Jugendliche schwirren da rum, spielen und picknicken auf dem Rasen. Ist das ein Schulausflug? Auch Eltern mit ihren Kindern sind unterwegs. Heute ist ein Feiertag. Überall hinterlassen die Menschen ihre Spuren, vor allem leere Chipstüten und Getränkedosen.
Meine Freundin erklärt mir, dass es in Kairo keine öffentlichen Parks gibt. Wer sich also in einer grünen Oase von dem Straßenlärm und Staub erholen will, muss bezahlen. Der Garten rund um die Kirche ist aber öffentlich zugängig und liegt auch noch nah an der Metrostation. Das erklärt, warum er so ein beliebtes Ausflugsziel ist. Für mich ist das natürlich alles ungewohnt und seltsam.
Was mich schon nach kurzer Zeit bei meinem Aufenthalt in Kairo nervt, sind die Blicke der Männer. Denn davon bleibt man nicht verschont, wenn man wie ich ohne Kopftuch herumläuft. Natürlich falle ich als Ausländerin auf. Aber das ist noch lange kein Grund, mich wie ein Objekt anzustarren. Am liebsten würde ich demonstrativ zurückstarren oder mich plötzlich umdrehen und laut „Buh“ rufen. Einige Männer sind noch aufdringlicher. Sie zischen, pfeifen oder rufen mir auf arabisch etwas hinterher. Ich versteh zwar nichts, kann mir aber schon denken, worum es geht. Normalerweise ist Aufmerksamkeit ja sehr schön, aber diese Art von Aufmerksamkeit will ich nicht. Ich bin ein Mensch, eine Person und will auch als solche behandelt werden.
Die Stellung der Frau ist hier ganz anders als bei uns. Die Frau trägt den Schleier, um sich zu verstecken. Einer Frau muss es möglich sein, nicht gesehen zu werden, deswegen gibt es auch ein Metroabteil nur für Frauen. Und das ist nicht zum Schutz gedacht, sondern wirklich nur, um die Frauen abzuschotten...
Tabea Fürst