Vom Apfel zum Fastfood und zurück
Platten aufnehmen, auf Tour gehen und jeden Abend auf der Bühne stehen – das hört sich nach einem traumhaften Leben an, worauf viele Musiker hinarbeiten. Dass die Wirklichkeit um einiges brutaler aussieht, wird meist verschwiegen. Schließlich begegnet man einer Band immer nur an den Konzertabenden – dem Sahnehäubchen, dem viel Arbeit und Schweiß vorausgegangen ist. Far-Less haben sich nun besonders tief in die Karten schauen lassen und dort lauert der Abgrund.
Die Jungs haben gerade ihre neue und dritte Platte aufgenommen – die beste in ihrer bisherigen Laufbahn. Tooth&Nail Records hat sie auch schon seit den ersten Alben unter Vertrag und mit einem dick gefüllten Tourplan quer durch die USA dürfte eigentlich nicht viel schiefgehen. ‚A toast to bad taste’ ist aber auch wirklich eine Platte, die herumgezeigt werden muss! Die aufgebaute Soundwand reicht locker an Muse oder die wiederfusionierten Smashing Pumpkins heran. Hier könnte ein echter Klassiker heranreifen.
Den Reifeprozess weit überschritten hat allerdings der auf dem Cover abgebildete Apfel. Den kann man auch als Desktop-Hintergrund von der Myspace-Seite saugen – aber schön ist es nicht: 'a toast to bad taste' eben. Wer drauf steht – bitteschön.
Nun aber zu den Abgründen der Band. Ende Januar kündigte Bassist Joseph Powers an, die Band zu verlassen, um sein Architektur-Studium zu beenden. Das ist noch nicht außergewöhnlich. In einem Forums-Beitrag gewährte er jedoch tiefe Einblicke in den Alltag der Band, und da möchte man sich doch noch mal überlegen, ob Musiker die beste Berufswahl getroffen haben. Er schrieb:
„Nachdem ich so lange im Musikbusiness war, möchte ich Euch Kids sagen, wie hart die Branche ist. Seit fünf Jahren haben wir uns den Arsch aufgerissen. Jedes mal, wenn wir von einer Tour zurück waren, haben wir in beschissenen Jobs gearbeitet. Hausieren, in Schnellrestaurants arbeiten (inklusive McDonalds), Pizza ausfahren, Gartenbau, Nachhilfeunterricht, Lagerarbeiten, Kellnern, wir haben alles gemacht. Und wir waren dankbar, dass wir das überhaupt tun konnten. Zu Hause haben wir 40 Stunden und mehr in der Woche gearbeitet, damit wir genug Geld zusammen hatten, um uns auf Tour etwas zu Essen zu kaufen. In den letzen vier Jahren haben wir mit der Musik kein Geld verdient, um davon leben zu können. Es kotzt mich an!“
Für eine christliche Band sind das erstaunlich harte Worte und bisher haben sich nur sehr selten Musiker getraut über das scheitern der eigenen Träume zu schreiben. Später heißt es in Autobiographien erfolgreicher Stars gern: sie hatten ja nichts und dann kam der Erfolg. Was aber, wenn der finanzielle Erfolg nicht kommt? Wenn man eine bekannte Band ist, aber alle Konzertbesucher die Platte aus dem Internet gesaugt haben? Wann zieht man den Schlussstrich und gibt zu: es hat nicht geklappt?
Far-Less haben mittlerweile einen neuen Bassisten, der Rest der Band macht weiter. Und das neue Album ist zu gut, um das Handtuch jetzt zu werfen.
Daher Jungs und Mädels, kauft diese Platte, denn Musik (und vor allem diese) ist es wert, davon leben zu können.
Stephan Dublasky
‚A toast to bad taste’ ist bei Tooth & Nail Records erschienen und bei jpc zu kaufen
Myspace: www.myspace.com/farless
Der Beitrag von Joseph Powers im Original:
www.absolutepunk.net/showthread.php?t=291135