Vollmondfieber
Das Schöne am CD-Tipp ist, dass die vorgestellten Platten nicht immer neu sein müssen. So kommt man nicht in die Verlegenheit eine Platte über den grünen Klee zu loben, die eigentlich nur Durchschnitt ist, aber besprochen werden muss, weil sie neu ist. Stattdessen können die wirklichen Rosinen rausgepickt werden. Daher wird es heute sogar um eine steinalte Platte gehen. Genauer gesagt wird sie diesen Monat 19 Jahre alt. Und dass sie heute immer noch so genial ist, zeigt eine kleine Geschichte.
Manchmal gibt es so Momente, in denen man für wenige Sekunden ein wenig melancholisch wird, der aber nur wenige Sekunden andauert. Vielleicht findet man die alte Kiste mit den Lego-Steinen auf dem Dachboden oder man besucht nach langer Zeit einen Ort, an dem sich nichts verändert hat. Ähnliches passierte mir auch auf dem [tru:]-Startfest vor einigen Wochen.
Es gab eine Allstar-Band mit Mitgliedern von D:Projekt, Crushead, Verra Cruz und KAT. Diese übte kurz vor Beginn die Songs, die sie auf der Bühne spielen sollten. Ich kam gerade rein, als das Programm schon fertig besprochen war, als Marc, der Sänger von Verra Cruz, mit der Gitarre in der Hand zu spielen anfing: „She’s a good girl, loves her mama, loves Jesus and America too. She’s a good girl, crazy bout Elvis, loves horses and her boyfriend too.” Dies ist der Anfang von „Free Fallin’“, dem Opener auf Full Moon Fever, Tom Pettys erster Soloscheibe! Daraufhin stimmte der Rest mit ein, und ich war schon verdutzt, dass alle das Lied auswendig kannten.
Das war mein Aha-Erlebnis. Die Platte hat auch für andere heute noch eine Bedeutung. Und genau wie die Bandmitglieder von D:Projekt bin auch ich zu jung, um im April 1989 die Platte gekauft zu haben. Das ist eher die Generation unserer Eltern. Trotzdem fiel sie mir irgendwann mit 14 oder 15 in die Hände und ich hörte sie bestimmt 40 mal hintereinander, einfach weil sie zwei wichtige Kriterien erfüllt: die Songs auf dem Album versprechen Dir, dass es mit einem Tom-Petty-Song immer nur vorwärts geht und es ist eine sehr gute Platte um Gitarre spielen zu lernen. Auf Full Moon Fever gibt es keinen einzigen schwachen Song! Vielleicht liegt es an der Band; denn schon damals wollte Petty nicht tiefstapeln. So sitzt beispielsweise der Ex-Beatle Ringo Starr am Schlagzeug. „Free Fallen“ ist neben „I won’t back down“ der andere bekannte Song auf dem Album. Kein geringerer als Johnny Cash nahm den Song bei seinen American Recordings erneut auf – und zwar mit der Band von Tom Petty!
Natürlich hat Tom Petty mittlerweile eine ganze Schrankwand neuer Alben aufgenommen, Grammy- und Platinauszeichnungen pflastern seine Wände. Aber dieses Jahr erhielt Petty das Angebot beim Superbowl 2008 in der Halbzeitpause zu spielen. Für einen Amerikaner ist das sozusagen der musikalische Ritterschlag, mehr geht nicht. Und welche Songs suchte er sich dafür aus? Nein, nicht seine neue Single, die er verkaufen will. Er spielte „Free Fallin’“, „I won’t back down“ und „Runnin’ down a dream“ – alle von Full Moon Fever. Wie gut, dass Petty das Album auch selbst noch klasse findet.
Stephan Dublasky
Full Moon Fever ist am 24. April 1989 bei MCA (Universal) erschienen. Und man bekommt es mittlerweile als Schnäppchen bei Amazon oder Ebay.
“Free Fallin’” beim Superbowl 2008: youtube.com/watch
“Runnin’ down a dream” beim Superbowl 2008: youtube.com/watch