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Der [tru:]-Musik-Tipp

Viva La Vida – Eine lyrische Schatzsuche

Ich hatte Coldplay schon abgeschrieben. Klar, sie machen nette Musik und haben Stil. Aber berührt haben sie mich nie. Umso überraschter war ich, als „Viva La Vida“ und „Violett Hill“ als Vorabsingles des neuen Albums aus meinen Radioboxen dröhnten. Wow. Die Lieder rissen mich sofort mit. Die Melodien sind eingängig, das Arrangement ist experimentell.

Zwei super Vorabsingles – doch ich traute dem nicht ganz: Wie würde der Rest des Albums sein? Die tief in mir versteckte Flamme der Hoffnung, die mir zuflüsterte, dass ich dieses Album vielleicht lieben könnte, bekam Nahrung, sobald ich „Viva La Vida“ in den CD-Player gelegt und die Play-Taste gedrückt hatte. Ich merkte schnell: Das Album ist der Hammer! Brit-Pop-Rock vom Feinsten mit einer Prise Experiment. Melancholie treibt die Lieder an, ohne Perspektivlosigkeit zu verbreiten. Folkloristische Trommeln vereinen sich mit sphärenhaften Klängen und erhabenen Hymnen. Es ist bereits von einer Neuerfindung Coldplays die Rede – kein Wunder, denn Erfolgproduzent Brian Eno hatte seine Finger sprichwörtlich mit Spiel.

Schon beim ersten Hinhören schien es mir, als hörte ich immer wieder das Wort Gott aus dem Munde Chris Martins schallen. Um die Geschichte kurz zu machen: Ja, in vielen der Lieder geht es tatsächlich irgendwie um Gott.

Zum Beispiel in „Cemetries of London“: „Menschen suchen nach Gott, jeder auf seine Art. Ich sah, dass Gott in meinen Garten kam, aber ich verstand nicht, was er sagte. Denn mein Herz war nicht offen.“ Ehrliche Worte?

Auch Versuchung ist ein Thema. In „Yes“ hörte ich Martin das Vaterunser zitieren. „Lord lead me not into temptation." Aber in der Versuchung standhaft zu bleiben ist hart. Nur Gott weiß, ich gebe mein Bestes.

“Reign of Love”, das ruhigste aber lebensbejahenste Lied des Albums, haut in die Vollen: “Reign of love By the church, we’re waiting. Reign of love My knees go praying”. Das Reich der Liebe direkt verknüpft mit Kirche und Gebet, wer hätte das gedacht!

Darüber hinaus sind die zehn Lieder des Albums gespickt mit Worten und Passagen, in die viel reinzuinterpretieren ist. Das ist nichts Besonderes, aber auf dieser CD sehr auffällig. „Nur weil ich gerade verliere, heißt es nicht, dass ich verloren bin“ („Lost"). „Lovers keep on the road your on“ (“Lovers in Japan”). Jerusalem Glocken werden geläutet und Missionare in fremde Länder geschickt („Viva La Vida“). Kritisch klingt „Violett Hill“ an, das Szenen aus den Kreuzzügen skizziert. „And the fog becam god“. Das regt mich zum Nachdenken an. In „42“ ist zu hören, dass die Zeit zu kurz ist und es da noch mehr geben muss. In „Death and All His Friends“ deklarieren Coldplay, dass sie aus der Gewaltspirale von Rache aussteigen wollen, um dem Tod mit samt seinen Freunden nicht zu folgen.

Wie Coldplay persönlich zu Gott stehen, wissen wohl nur sie selbst. Sicher geht es ihnen bei „Viva La Vida“ weder darum, mit Gott in die Charts zu gelangen noch unterschwellig zu missionieren. Einige Zeilen sind sogar fragwürdig und können negativ ausgelegt werden. Und überhaupt: Religion ist gerade unter Popstars im Moment „in“, Worte müssen nichts bedeuten, das gilt auch Chris Martin & Co. und die 500.000 Menschen, die sich „Viva La Vida“ in den ersten zehn Tagen nach der Veröffentlichung kauften. Ich denke jedoch: Für Christ Martin und Co. haben sie eine Bedeutung. Mir geben die Texte jedenfalls etwas. Ich beginne mich zu fragen, inwiefern mein Herz Gott manchmal nicht hören will. Ich frage Gott, ob es Nebel gibt, dem ich zu hohen Stellenwert einräume. Ich klage in Versuchung, widerspreche dem Tod mitsamt seinen Freunden und sehne mich nach dem Königreich der Liebe.

Jonathan Eicker

Coldplay bei myspace anhören >>

Foto: Youri Lenquette