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Interview mit Sarah Kelly

[tru:] Hi Sarah, denkst Du, man hat es als Christ einfacher im Leben?

Sarah Kelly:
Einfach?! Es gibt kein einfaches Leben, das mal als erstes. Jeder, der was anderes sagt, verkauft irgendwas, versucht vielleicht die Marke "Christ sein" anzupreisen. Solche Leute sind gefährlich, denn sie lügen. Jesus musste auf der Erde viel durchmachen. Er wurde geschlagen und an ein Kreuz genagelt. Daraufhin ein leichtes Leben zu erwarten, also ich denke, das wäre einfach bescheuert.
Ich bin eine Lobpreisleiterin und singe in den größten Kirchen Amerikas. Manchmal sieht es so aus, als ob wir Christen erleuchtet wären und in unserer eigenen Welt leben, in der alles okay ist. Aber in der Bibel heißt es, „zu lobpreisen im Geist und in der Wahrheit“ - der Wahrheitsteil ist dabei so wichtig, ehrlich mit dir selbst zu sein und einzugestehen, wo wir wirklich sind und was wirklich gerade los ist.
Deshalb glaube ich, dass Christen durch genauso viele harte Zeiten hindurch müssen wie Nichtchristen. Der Unterschied ist, dass wir Frieden damit haben. Wir haben einen Grund, durch die harten Zeiten hindurch zu müssen, wir haben eine Hoffnung auf morgen. Vielleicht könnte man sagen, dass wir einen ruhigen Geist haben. Aber die Umstände werden nicht einfacher sein, nur weil Du ein Christ bist.

 [tru:] Gibt es eine Tendenz, auch als Christen nur auf das Äußere zu achten?

Sarah Kelly: Oh ja, ich meine, ich kenne das geistliche Klima hier nicht, aber in den USA ist es sehr auf das Äußere fixiert, auf das Erscheinungsbild. Wenn alles schön glatt poliert ist, man nicht raucht, nicht trinkt, keine säkularen Videos sieht und keine säkulare Musik hört, dann ist man ein guter Christ. Das ist in meinen Augen absolut verrückt, weil nicht diese Dinge Dein Herz ausmachen.

 [tru:] Wie sollten wir Deiner Meinung nach als Christen leben?

Sarah Kelly: Also, ich will hier keinen Streit vom Zaun brechen, aber ich persönlich denke für mich als Christ, dass ich mich ständig selber beobachten sollte, immer mit dem Ziel vor Augen, eine bessere Person zu werden. Und vor allem zu derjenigen zu werden, zu der mich Gott machen will.
Ich sollte aufhören, für andere Menschen herausfinden zu wollen, wie sie als Christ leben sollten. Ich will sie auf ihrer Reise begleiten und ihnen nicht meine Art, Christ zu sein,  aufzwingen. Ich weiß ja nicht, ob diese auch richtig für meine Freunde ist.
Ich denke, dass wir als Christen manchmal so tun, als wüssten wir alles. Stattdessen sollten wir einfach unser Bestes geben. Wir müssen nicht alles wissen, und das ist doch eigentlich ganz schön.

[tru:] Dein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert – was ist passiert?

Sarah Kelly:
Gott hat mir während der letzten zwei Jahre beigebracht, dass er mich liebt. Dass er mich mehr liebt, als ich mir jemals vorstellen kann. Während der Arbeit an meinen ersten zwei Alben war meine Beziehung zu Gott noch nicht so tief wie jetzt.
Ich bin eine Person, die irgendwie mit Unsicherheit zurechtkommen musste, ich meine, wer muss das nicht. Aber ich denke, dass solche Dinge einen tiefen Einfluss auf mich hatten. Dieser Einfluss war wahrscheinlich ausschlaggebend für einige schlechte Entscheidungen, die ich in der Vergangenheit getroffen habe. Ich ging zum Beispiel in Beziehungen ein, in denen ich missbraucht wurde.
In den letzten zwei Jahren hat Gott mich aus dieser Falle rausgeholt. Ich gehöre zu den Frauen, die oft in solch schwierigen Situationen gefangen sind. Wir isolieren uns und keiner bekommt mit, was eigentlich passiert, so dass wir es anderen gegenüber nicht eingestehen und uns selbst auch nicht.
Und in den letzten zwei Jahren hat Gott mich davon befreit. Und ich weiß jetzt, dass ich mich aus solchen Situationen befreien kann. Wir Frauen müssen kapieren, dass es in unserem eigenen Kopf losgehen muss. Denn wenn wir es geschehen lassen, dann geschieht es auch. Aber wenn wir sagen: „Nein, ich verdiene sowas nicht. Guck doch, wieviel ich Gott bedeute. Sieh, wie wertvoll ich bin.“ Dann ändert sich auch Deine Vorstellung davon, wie Du selber gerne behandelt werden willst.

[tru:] Bist Du schon mal von Gott überrascht worden?

Sarah Kelly:  Ja. Ich bin überrascht worden von Gott. Bis vor sechs Jahren hatte ich noch nie ein Mikrofon in der Hand. Ich hab Englisch auf Lehramt studiert und eigentlich war dieser Berufswunsch mein größtes Ziel. Und vielleicht werde ich eines Tages doch noch Lehrerin. Aber um ehrlich zu sein, hat er mich einfach weggeblasen, er hat mich auf eine Kirchenbühne geworfen, auf der ich vor 2000 Leuten singen musste. Ich habe vor Aufregung wortwörtlich gekotzt, bevor ich auf diese Bühne ging. Und ich war danach voll fertig und dachte, ich hätte die ganze Sache vergeigt.
Aber dann kamen Leute zu mir, und beglückwünschten mich. Ganz plötzlich wurde eine Gabe entdeckt, von der noch nicht mal ich was wusste. Ich hab als Kind nicht meinen Haustieren vorgesungen und ich hab nie gedacht, dass ich Sängerin werden will, wenn ich groß bin. Gott hat mich einfach hierhergebracht.

[tru:] Wo denkst Du, liegt Deine Hauptaufgabe?

Sarah Kelly: Um ehrlich zu sein, ich denke, dass es meine eigentliche Gabe ist, Songs aus Leuten rauszuholen. Ich hatte 770 Klavierschüler und sie haben alle Songs komponiert. Ich habe ein Herz dafür, dass die Gemeinden ihre eigenen Lieder schreiben. Aber auch dafür, dass die Songs, die in einer Gemeinde entstehen, den Weg finden in die Kirchen an sich, anstatt immer die Künstler zu haben, die alle Songs schreiben, aber die selbst nicht mit den kleinen Gemeinden verbunden sind. Und das ist ein echtes Problem. Verstehst Du, wir haben all diese verstreuten einzelnen christlichen Künstler, die ich echt mag, und die meine Freunde sind, aber sie wissen es auch. Ich möchte ein Teil einer neuen Lobpreisgeneration sein und ich glaube, ich bin schon ein Teil davon.

[tru:] Was ist Gemeinde für Dich?

Sarah Kelly: Gemeinde ist eigentlich eine Gruppen von Leuten, die versuchen, es zusammen hinzukriegen.

[tru:] Was heißt das?

Sarah Kelly: Das heißt Freunde, Führung, Versagen. Ich meine, jede Geminde hat ihre eigenen Fehler, also, wenn du nach der perfekten Gemeinde suchst, dann könntest du ziemlich lange suchen. Da gibt es Gemeinden, die strahlen was echtes und gesundes aus. Und dann gibt es andere, da hat man das Gefühl, hier können die Leute alles sein, nur nicht sie selbst. Ich glaube, der Unterschied dazwischen ist, dass die Gemeindeleiter, die eher offen und jung sind, lebhaft und mitreißend, so tun, als wüssten sie alles. Es geht hier nicht um Diktatur, meine Spur auf der Autobahn, sondern es geht darum, es gemeinsam rauszufinden. Es ist eine Teamangelegenheit, wir sind gemeinsam Kirche. Ich bin hier, um Anleitung zu bekommen, ich bin hier, um jemanden zu haben, der mir vielleicht eine Antwort geben kann, aber wir stecken da alle zusammen drin und dann funktioniert Teamarbeit wirklich.

[tru:] Freust Du Dich über Dein neues Album?

Sarah Kelly: Oh, ich bin so aufgeregt über das neue Album. Ich hab das Gefühl, endlich das zu machen, was ich immer wollte. Ich meine, ich schreibe Lobpreislieder seit ich sieben Jahre alt bin. Und ich habe bis heute noch kein Lobpreisalbum produziert. Ich hab meine besten Lieder noch nicht rausgebracht. Die meisten Künstler platzieren ja ihre besten Songs, die sie bis dahin geschrieben haben, auf das erste Album. Ich habe das nie gemacht. Ich habe alle Songs auf „Take me away“ in sieben Tagen geschrieben, weil es einfach nur dafür war, ein bisschen Geld für das Schlagzeug in meiner Gemeinde zu verdienen. Ich dachte ja nicht, dass irgendwas damit passieren würde und dann endetet alles mit einer Nominierung für den Grammy, und ich dachte „Wie bitte?“.
Aber dieses Album jetzt ist wirklich mein bestes, das beste meines Lebens, es ist fast, als sei das mein erstes Album. Also wirklich ich. Denn wie kannst Du wirklich Du selbst sein, wenn Du mitten in solchen Situationen steckst. Jetzt ruhe ich einfach viel mehr in Gottes Gnade als jemals vorher. Ich hab einfach das Gefühl, dass es einen Grund dafür gibt, dass ich durch das alles durch musste. Und ich lebe und ich kann jetzt lauter als jemals zuvor Gott preisen. Ja, ich bin echt glücklich über das neue Album.

[tru:] Was war die peinlichste Situation, in die Du gekommen bist?

Sarah Kelly: Jeder Tag meines Lebens ist auf gewisse Art und Weise peinlich, ich bin kein polierter kleiner Stein, ich bin einfach ein Mädchen, die zufällig über zwei Grammy-Nominationen gestolpert ist und die es liebt, Songs zu schreiben und dieses Talent mit anderen zu teilen. Ja, ich bin schon auf der Bühne gestolpert, habe aus Versehen Schimpfwörter gebraucht. Ich habe zum Beispiel ein Lied, das heißt „Sit with you a while“. Und ich habe aus Versehen gesungen „Shit with you a while“. Ich meine, ich habe da mit Gott gesprochen Die Leute haben gelacht. Hat sie das wirklich gesagt?! Das war wahrscheinlich das peinlichste von allem.

[tru:] Eine letzte Frage: Wie entsteht ein Song?

Sarah Kelly: Ich glaube, dass eine Menge Christen einen großen Fehler machen. Sie wollen nur von Christen lernen. Die besten Liedermacher der Welt, okay, manche von ihnen sind Christen, andere nicht, aber das heißt nicht, dass ich nicht von ihnen lernen kann. Weißt Du, ich kann eine riesige Menge von
Carol King lernen. Also, hab ich mir wirklich Zeit dafür genommen, sie kennenzulernen. Sie komponiert mit mir sogar Lobpreislieder und es bringt sie dazu nachzudenken. Es sind echt schon eine Menge guter Unterhaltungen dabei rausgekommen. Aber ganz oft fange ich einfach mit der Musik an. Ich habe eine Anzahl von Akkorden gefunden, die ich absolut liebe, reiche Akkorde mit Septimen und Nonen für die Musiker unter uns. Und ich spiele die gleichen Akkorde immer und immer wieder, bis mir richtig schlecht davon ist, bis irgendeine Melodie aus meinem Mund kommt. Und wenn ich mich am nächsten Tag noch an die Melodie erinnern kann, dann ist sie gut.
Leute machen es manchmal so kompliziert und sagen, du musst erst den Refrain schreiben, den Refrain, den Refrain. Wenn Du Dich morgen noch dran erinnern kannst, ist es gut. Wenn nicht, dann ist es schlecht. Das ist, was ein Hook ist.
Nimm es einfach nicht so technisch in der technisch-lastigen Liedermacherwelt. Und mein Lieblingsteil ist der Textteil, ich versuche, etwas so zu sagen, wie es noch nie gesagt wurde. Etwas, was die Leute fühlen könne, wovor sie nicht weglaufen können. Wir leben in einer so stumpfen Gesellschaft und es wird immer schwieriger, es hinzubekommen, Leute wirklich zu bewegen. Und das ist einfach mein Job als Liedermacherin, den Leuten zu helfen, etwas zu fühlen, irgendwas.

[tru:] Vielen Dank für Deine Offenheit

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