Spekulationsobjekt Hölle: Wie heiß ist sie wirklich?
Sie ist ein Spekulationsobjekt: Die Hölle – viel zitiert, wenig bekannt. Wir haben uns auf die Suche nach biblischen Indizien gemacht: Was hinter dem Begriff Hölle alles so steckt ...
In Offenbarung Kapitel 21, Vers 8 ist von einem Schwefelsee als Teil der Hölle die Rede. Der Schmelzpunkt von Schwefel liegt bei 115,21 Grad Celsius, sein Siedepunkt bei 444,72 Grad Celsius. Zwischen diesen beiden Eckdaten bewegt sich also die höllische Temperatur. Überraschendes förderten zwei Physiker von der Universität in Santiago de Compostela in einem wissenschaftlichen Gedankenexperiment – ausgehend von Jesaja 30,26 – zutage: Im Himmel könnte es etwa siebzig Grad heißer sein, als in der Hölle, nämlich 516 Grad Celsius. Mit anderen Worten: Gegen den Himmel ist die Hölle nur kalter Kaffee. Womit noch lange nicht geklärt ist, wer hier wem die Hölle heiß macht.
Der Begriff Hölle erzeugt in den meisten Menschen Angst. Auch den meisten Religionen und Philosophien ist eines gemeinsam, wenn es um die Hölle geht: Sie gilt als höchst unerfreulicher Zustand oder Ort, als Verkörperung von Einsamkeit, Schmerz und Perspektivlosigkeit. Darum eignet sie sich auch so gut als Druckmittel, um Menschen auf die rechte Spur zu bringen. Und weil die Hölle von der Kirche als Strafkonzept missbraucht worden ist, haben wir einen kollektiven Heidenrespekt, uns mit der Hölle zu beschäftigen.
Dabei ist die Hölle zunächst einmal nur das einfache Konzept der Gottesferne. Sie ist das Gegenteil des Lebens, das wir bei Gott haben. Sie ist das „Auf sich selbst zurückgeworfen sein“. Der englische Schriftsteller T. S. Eliot sagt: „Die Hölle, das sind wir selbst.“ Oder wie Jean- Paul Sartre es in dem existentialistischen Bühnendrama „Geschlossene Gesellschaft“ formuliert: „Die Hölle, das sind die anderen“. Beiden gemeinsam ist die Erfahrung, wie spürbar die Hölle bereits in unserem Alltag ist. Vieles von dem, was wir hier erleben, durchleben, erleiden, ist zutiefst höllisch und gottesfern. Ja, die Hölle ist schon hier. Von David Yonggi Cho, einem koreanischen Pastor, wird erzählt, dass er einmal eine alte Frau mit der Angst vor der Hölle bekehren wollte. Daraufhin sagte ihm die alte Dame ins Gesicht: „Was wollen Sie von mir, die Hölle kenne ich schon, die erlebe ich jeden Tag, erzählen Sie mir lieber etwas vom Himmel.“ Einen anderen, allerdings nicht weniger trostlosen Akzent setzt der englische Schriftsteller C. S. Lewis in seinem Buch „Die große Scheidung“. Hölle wird dort als trostloser grauer Ort beschrieben, an dem alle darauf warten, dass etwas passiert – und es passiert nichts. Das ist insofern bemerkenswert, als es mit der irrsinnigen Vorstellung aufräumt, die Hölle habe mit ausufernden Spaßorgien zu tun und sei daher eine gute Textzeile für Ballermann- Hits. Wer wortwörtlich „höllisch gut drauf ist“, hat das Beste definitiv schon hinter sich.
Festhalten können wir Folgendes: Die Hölle ist weder ein Bestrafungsort für religiöse Abweichler, noch eine Partylocation mit allen von der Kirche verbotenen Genüssen. Die Bilder, die wir uns von ihr machen, versuchen die Hölle von ihrem Wesen her zu verdeutlichen – wohl wissend, dass wir über Sensorik und Geographie der Hölle beim besten Willen keine haltbaren Aussagen treffen können. Zumal sich auch die Bibel nicht darum bemüht, die Hölle im Detail zu beschreiben – obwohl sie die einzig entscheidenden Hinweise darüber liefern kann, worum geht es nun wirklich bei der Hölle geht. Was ist sie, was ist sie nicht?
Wer in die Bibel schaut muss zunächst einmal feststellen, dass nicht überall wo Hölle draufsteht, auch Hölle drin ist. Mit dem deutschen Wort Hölle können nämlich drei unterschiedliche griechische Begriffe übersetzt werden: „Hades“, „Abyssos“ und „Gehenna“. Und alle drei beschreiben unterschiedliche „Orte“.
Das erste Wort, das man immer wieder mit Hölle übersetzt hat, ist das griechische Wort „Hades“. Es steht zum Beispiel in dem bekannten Spruch „Tod wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15,55). Diese Übersetzung des hebräischen Scheol meint die Unterwelt, die alle Toten aufnimmt – quasi ohne Ansehen der Person: Gläubige genauso wie Atheisten, Agnostiker und die sogenannten „Bösen“. Im Tod wird der Körper von der Seele getrennt, der Körper verwest und die Seele wartet in diesem körperlosen Zustand getrennt von Gott auf ihr endgültiges Urteil. Der „Hades“ ist also kein „Strafort“, sondern das zwischenzeitliche Totenreich, in dem die Verstorbenen gelagert werden, bis zum Zeitpunkt des Gerichts. Die Unterwelt ist ein Land der Finsternis. „Hades“ kommt auch höchstwahrscheinlich von dem griechischen Wort „idein“, das „sehen“ bedeutet. Der „Hades“ wäre demnach ein Ort, an dem die körperlosen Seelen nicht mehr sehen können. Sie können also auch Jesus Christus im Nachhinein nicht mehr als ihren Erlöser sehen, erkennen oder annehmen. Allerdings gibt es doch einen Lichtblick in der Dunkelheit des Todes: In der sogenannten „Höllenfahrt Christi“ (1. Petrus 3,19), dem Hinabsteigen in das „Reich des Todes“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, durchbricht Jesus die Gottlosigkeit des Totenreichs und bringt die frohmachende Botschaft allen verstorbenen Seelen der Vergangenheit und der Zukunft. Auch die Pforten der Hölle, aus Matthäus 16,18, sind wörtlich die „Pforten des Hades“. Das Totenreich drängt in Form von Krankheit, Schwäche, sozialer und materieller Armut, Bedrängnis und dergleichen mehr in unsere Lebenswelt hinein. Wo immer Gott schweigt oder für einen Menschen nicht mehr erfahrbar ist, da fängt die Wirklichkeit des Todes bereits an (Hiob 12,24 ff.). Die Gemeinde wird von diesem Umstand aber nicht überwunden werden, auch wenn sie das Totenreich und seine Auswirkungen in mehr oder weniger starker Form spüren wird.
Der „Abyssos“, das zweite Wort für Hölle, ist ein Ort des besonderen Schreckens.
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Text: Mickey Wiese hat lange dafür gekämpft, mal über die Hölle schreiben zu dürfen. Und gegen die Angst davor.
Quelle: dran. Das Magazin zum Selberglauben. Neunmal im Jahr Tiefgang für das leidenschaftliche Leben mit Gott! www.dran.de
