Sehnsucht: Wenn der Blues kommt
Sehnsucht fühlt sich nicht immer gut an. Aber was wäre das Leben ohne sie? Auf der Suche nach dem Geheimnis des Blues.
Blues ist nicht deine Musik? Glaube mir, es geht um viel mehr als Musik. Es geht um das Wichtigste überhaupt – um dein Herz! Montagmorgen auf dem Weg zur Schule oder Arbeit, du sitzt im Zug, im Tram oder Bus. Deine Mitreisenden sind grau in grau wie jeden Montagmorgen – ist das wirklich alles?
Ist das mein Leben, macht das Sinn? Du spürst ihn, den Blues, wie er sich langsam Raum nimmt. Sonntagabend, das Wochenende ist vorbei und es wird dunkel draußen – und drinnen. Du bist in deinem Zimmer, hast deine Dinge erledigt und nun stehst du da und denkst nach: Was mache ich jetzt …? Plötzlich spürst du diese innere Leere – der Blues drückt durch.
Wann trifft dich der Blues? Bist du eher der Sonntagabend- oder eher der Montagmorgen-Typ, oder gar beides? Die einen trifft der beklemmende Alltagsblues beim Schauen einer TV-Serie, die anderen irgendwann in der Vorlesung und wieder andere vor dem Einschlafen. Der Blues trifft uns alle, Banker, Bäcker, dich und mich. Was aber ist dieser Blues und was mache ich mit ihm – und was macht er mit mir? Inzwischen liebe ich den Blues, er ist ein echtes Geschenk Gottes. Aber beginnen wir von vorne.
Den Blues als eher banalen Musikstil, den kennen wir wohl alle. Doch der Blues ist auch Ausdruck eines Gemütszustands, der sich am ehesten mit dem Begriff Melancholie beschreiben lässt. Ein Zustand von vermeintlich unbegründeter Traurigkeit, die einen plötzlich und unerwartet übermannt. Der Blues-Musiker gibt diesen Gefühlen Raum und versucht sie in Melodien, Rhythmen und Takten umzusetzen, ihnen Ausdruck zu verleihen. Seine Einfachheit hebt den Blues aber auch von anderen Musikstilen ab. Er gilt als ehrlich, direkt und schnörkellos, weshalb er viel von dem auf den Punkt bringt, was wir eben nicht in Worte fassen können. Bei meiner Arbeit mit dem Blues wurde mir klar, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Solche, die den Blues „nur“ hören, und andere, die ihn auch spüren, bei denen etwas „anklingt“.
Was aber macht einen Blues-Musiker aus? Ein richtiger Blues-Musiker ist nicht einfach ein guter Musiker, sondern ist vielmehr jemand, der aus dem Herzen lebt. Ein perfekt nach Noten gespielter Blues ist schlicht langweilig. Erst wenn er den Charakter des Musikers widerspiegelt, beginnt er spannend zu werden. Erst wenn der Musiker sein Herz und sein Leid einbringt, trifft er diese innere Leere, diese Melancholie, diesen unstillbaren Durst nach dem „Ich weiß nicht was“. Wenn dann noch andere Blues-Musiker dazukommen und ihre eigenen „Stimmungen“ und „Töne“ einbringen, dann wird es richtig gut. So ist es auch bei allem, was ich hier schreiben werde. Es mag alleine gehen, aber wenn zwei oder drei zusammen sind, dann klingt es richtig gut. So rät uns auch Jesus: „Wo zwei oder drei zusammen sind, dort bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).
Der Blues als Musik ist zugleich melancholisch als auch voller Energie. Genauso wie die Psalmen mit ihrem klagenden und jammernden Untertönen. Klagen setzt eine enorme Kraft frei. Es gibt Hoffnung, Mut und Zuversicht. Aus dieser Perspektive kann man König David wohl als den ersten großen Blues-Musiker bezeichnen: Er hat genau das in seinen Psalmen gemacht. Viele seiner Songs sind in der Bibel zu finden. Gott nennt in der Bibel nur David einen „Mann nach Gottes Herzen“ (1. Samuel 13,14; Apostelgeschichte 13,22). Was aber war so besonders an ihm? Er hatte definitiv keine weiße Weste und war nicht besser als andere. Sein Geheimnis: Er hatte keine Geheimnisse vor Gott – was für sich genommen schon ein absurder Gedanke ist: Geheimnisse vor Gott zu haben. David machte Gott nichts vor. Mehr noch, er warf Gott alle seine Emotionen vor die Füße, all seinen Schmerz, seine Not, seine Wut und seinen Frust. David war „herzlich“, er lebte ganz aus seinem Herzen. David kannte den Blues und meisterte ihn.
In der Beziehung zu Gott müssen wir uns nicht verstellen. Das intellektuell zu verstehen ist einfach, das aber auch zu leben unglaublich viel schwieriger. Oft lassen wir Gott nur in einen Teil unseres Herzens. In den Teil, den wir gut finden. Eigentlich belügen wir Gott, wenn wir ihm nicht alles offenbaren. Er will echte Beziehung in guten, in mittelmäßigen und auch in schlechten Zeiten. Gott will keinen „Mir geht es gut und ich habe alles im Griff“-Lobpreis. Geben wir zu, dass uns etwas fehlt. Klagen bedeutet zu bekennen: Es geht alleine einfach nicht wirklich gut.
Wir leben durch und durch aus dem Verstand und haben scheinbar alles unter Kontrolle. Wir machen alles richtig und korrekt, wir sind so, wie wir sein sollten – oder? Wenn dem so ist, wie erklären wir uns dann diese tiefe Traurigkeit in uns? Wir haben den Kontakt zu unserem Herzen verloren. Unser Herz braucht Zeit, um nachzukommen und zu verarbeiten, Zeit, die uns schlicht und einfach fehlt. Ich bin überzeugt, viele der modernen Krankheiten wie Burn-out, Erschöpfungsdepressionen und so weiter sind darauf zurückzuführen. Uns fehlt die Zeit, um „herzlich“ zu sein. Wir leisten, liefern und funktionieren. Unser Herz bleibt auf der Strecke. Und dann trifft es uns plötzlich und unerwartet: Das Herz meldet sich mit diesem ekelhaften Gefühl. Es ist dieses Gefühl, das uns sagen will – ja, was denn eigentlich?
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Text: Reto Nägelin, Reto Nägelin ist Bluesdiakon und lebt in CH-Rüschlikon.
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