Spirit overflow: Wie führt eigentlich der Heilige Geist?
Die Leitung des Heiligen Geistes – ist das nicht eine fromme Floskel? Wenn nicht, wie passt das mit dem „perfekten Plan für mein Leben“ zusammen? Ist Gott eigentlich flexibel, wenn was schiefläuft?
Ich stehe im Kaufhaus vor dem Schuhregal mit der Aufschrift „Größe 42“. Schätzungsweise 99 Schuhpaare stehen zur Auswahl, drei davon finde ich ziemlich gut. Die Frage ist: Welches Paar soll ich kaufen? Hilfe! Meine Frau ist nicht da und mein Stoßgebet bleibt ohne Antwort. Na ja, vielleicht nicht ganz, denn eine freundliche Verkäuferin fragt, ob sie helfen kann. Sie kann. Ich entscheide mich für ein konservatives Paar. Auf dem Heimweg gehen mir kuriose Gedanken durch den Kopf. Wurde ich hier etwa von Gott geführt? Oder vom Budget? Habe ich einfach nach dem Lustprinzip gehandelt? Oder, noch schlimmer, tat ich unbewusst den Willen der Verkäuferin? Und – brauche ich den Heiligen Geist wirklich zum Schuhekaufen?
Sicher nicht. Aber tagtäglich stehe ich vor ähnlich belanglosen und weit schwierigeren Situationen, die Entscheidungen fordern. Das geht ja grundsätzlich allen so. Nur stehe ich als Christ zusätzlich vor der Herausforderung, mein Leben in Übereinstimmung mit Gott zu leben. Der Psalmist schreibt: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war“ (Psalm 139,16). Das könnten wir so auslegen, dass es einen genauen himmlischen Plan gibt und es meine Aufgabe ist, diesen täglich herauszufinden. Und wehe, wenn ich die falschen Schuhe kaufe oder mich sogar in die falsche Frau verliebe. Dann falle ich aus diesem Plan raus – und wer weiß, ob ich je wieder die Kurve kriege. Die andere Variante ist, dass Gott mein Leben überblickt und ich frei entscheiden kann. Aber er weiß schon, wie ich handeln werde. Dabei führt er mich im Alltag und in meinen Entscheidungen.
Grundsätzlich sind wir hineingeboren in eine große Freiheit, die wir in Verantwortung vor Gott, den Mitmenschen und uns selbst gestalten dürfen. In der Schöpfungsgeschichte fällt mir auf, dass Gott ein Paradies geschaffen hat mit unzähligen Pflanzen und Tieren. Und Gott sprach: „Du sollst essen von allen Früchten des Gartens, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen“ (1. Mose 2,16f). Bei der Partnerwahl brauchten Adam und Eva zu diesem Zeitpunkt noch keine Führung von Gott. Da hatten sie so wenige Optionen wie Jugendliche in einer kleinen Landgemeinde. Aber beim Essen war die totale Vielfalt vorhanden. Sie durften alles genießen, was ihnen vor die Augen kam – mit Ausnahme des einen Baumes natürlich.
Für mich steht diese Wahlfreiheit im Zentrum meines Lebens und Glaubens. Gott schuf alles mit dem Prädikat „sehr gut“ und ich darf in Freiheit darin leben. Und diese Freiheit geht weit über die tägliche Menü-Wahl hinaus. Das nimmt mir sehr viel Druck. Ich entscheide also oft nach meinem Geschmack, ob es mir gefällt und ob ich Lust darauf habe. Oder nach meinem Verstand, ob es Sinn macht und gesund ist. Oder nach meinen Fähigkeiten, ob ich das Talent dazu habe oder es erlernen kann.
Das alles funktioniert natürlich nur innerhalb des Rahmens, den Gott mir zugedacht hat. Alle Dinge, welche die Beziehung zu Gott, zum Nächsten oder zu mir selber negativ beeinflussen, gehören zum „verbotenen Baum“ und sind bereits mit einem Stoppschild versehen. Es ist also sehr viel Freiheit über unserem Leben, in die hinein der Heilige Geist uns Führung anbietet. Und ich bin überzeugt, dass er vor allem ein Anliegen hat: Gott soll durch mein Leben geehrt werden.
Das heißt nicht, dass Gott keine speziellen Berufungen ausspricht. Aber es gibt keine einzige Geschichte in der Bibel, in der Gott dies sozusagen in Rätseln tut. Als amüsiere ihn die Frage, ob es uns gelingt, die Lösung zu finden. Im Gegenteil: Spezialberufungen waren sehr deutlich. Meistens hat Gott sie mehrmals bestätigt, selbst wenn der Berufene zuerst unwillig war. Die meiste Zeit aber lebten die biblischen Personen einfach nach den Geboten Gottes.
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Text: Matthias Spiess, Leiter der Jugendallianz der Schweiz
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