Leid und die Frage nach Gott
Für viele Menschen besteht das größte intellektuelle Problem beim Thema „Leid“ in der Frage nach der Existenz (eines liebenden) Gottes.
Oder anders ausgedrückt: Viele Menschen, wenn sie gefragt werden, ob sie an Gott glauben, verneinen diese Frage mit dem Hinweis auf das Leid der Welt: „Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, der uns liebt, warum gibt es dann so viel Leid in der Welt?“
Wer nicht an die Existenz eines guten und allmächtigen Gottes glaubt, für den existiert „Leid“ nicht als ein intellektuelles Problem. Wer glaubt, diese Welt ist alles, was es gibt (Materialismus), ein Produkt von Zufall und Notwendigkeit und der Mensch ein Nebenprodukt blinder Materie, der kann „Leid“ nicht nach einem Sinn hinterfragen. Naturgesetze kann man nicht anklagen. Nur Personen kann man fragen – nicht blinde Materie.
Intellektuell wird „Leid“ erst ein Problem, wenn man diese Welt nicht für alles hält, was es gibt, sondern für die Schöpfung eines guten Schöpfers. Dann entsteht die Frage: Wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann so viel Leid in der Welt? Schon im 5. Jahrhundert hat der Philosoph Boethius eine Gegenfrage formuliert:
Wenn es keinen Gott gibt, warum gibt es dann so viel Gutes (Schönheit, Liebe, Vertrauen …) in der Welt?
Wir brauchen eine Antwort auf beide Fragen, denn wir machen nicht nur die Erfahrung von Leid, sondern auch die Erfahrung von Schönheit. Schönheit finden wir in der Natur, in der Kunst, in der Musik, in Beziehungen, in Freundschaften, in der Liebe … Deshalb wird der erste Lehrsatz des Buddhismus „Alles Leben ist Leiden“ unseren Erfahrungen nicht gerecht.
Leid und die christliche Antwort
Der christliche Glaube ist in besonderer Weise an der Leidfrage interessiert. Für ihn ist Gott personhaft existierend: Gott liebt und Gott erwählt; Gott spricht und Gott handelt. Außerdem wird Gott als allmächtig, gütig und gerecht bezeugt. Doch wie ist das Bekenntnis zu „Gott, dem Allmächtigen“ zu verstehen? Und wie passt das Bekenntnis zur Güte und zur Gerechtigkeit Gottes mit unseren Erfahrungen zusammen?
„Das Bekenntnis zu Gottes Allmacht und Herrschaft besagt nicht zwangsläufig, dass alles Geschehen in der Welt – sei es gut oder böse, lebensfördernd oder vernichtend – unmittelbar auf Gott als einzige Ursache zurückgeführt werden muss. Die eigene Verantwortung der Menschen und die Existenz anderer, Gott widerstrebender Mächte und Einflüsse sind mit der Anerkennung Gottes als des allmächtigen Vaters nicht ausgeschlossen. Aber es wird – gerade angesichts entgegengesetzter Erfahrungen und Anfechtungen – mit dem Bekenntnis zu Gott als Herrn hervorgehoben, dass er die Macht und den Willen hat, sich gegenüber dieser Welt und Geschichte endgültig durchzusetzen.“ (Hans-Joachim Eckstein)
Bei der Frage nach dem Leid ist der christliche Glaube mehr an der existenziellen als an der intellektuellen Seite interessiert. Ihn interessiert mehr die Frage: „Wie gehe ich mit Leid um?“ als die Frage: „Woher kommt das Leid?“ Es geht ihm darum, Menschen im Leid zu trösten. „Trösten“ hängt mit dem engl. „to trust“: „vertrauen“ zusammen. Getröstet ist ein Mensch, der Vertrauen hat, gewisse Schritte in der Gegenwart und Zukunft gehen zu können.
Die Bibel äußert sich aber auch über den Ursprung des Leids in der Geschichte vom Sündenfall (1. Mose 3). Sünde wird in der Bibel nicht moralisch verstanden („Kann denn Liebe Sünde sein?“; „Heute habe ich gesündigt: Ich habe zwei Puddings zum Nachtisch gegessen.“) Das Wort, das im Neuen Testament für „sündigen“ verwendet wird, ist das gleiche, das Homer für einen Bogenschützen verwendet, der am Ziel vorbeischießt. Sündigen heißt „Zielverfehlung“. Der Mensch wurde von Gott geschaffen zur Gemeinschaft mit ihm und hat sich aus dieser Gemeinschaft herausgesündigt. Er hat sein Ziel verfehlt, für das er geschaffen wurde.
Gott ist der Ursprung des Lebens, wir sind abgeleitete Geschöpfe. Als der Mensch sich vom Ursprung des Lebens löste, wurde er sterblich. Paulus greift dies im Neuen Testament auf: „Der Tod ist der Sünde Sold“. (Röm 6,23a) Auf den religiösen Sündenfall (1. Mose 3) folgt der soziale Sündenfall (1. Mose 4: der Brudermord Kain-Abel). Das moralische Fehlverhalten ist eine Folge unserer Trennung von Gott. Wir wurden alle in eine von Gott abgefallene Welt hineingeboren. Wir sind also alle Opfer des Sündenfalls; aber nicht nur das, sondern auch Täter. Wir vollziehen den Sündenfall in unserem Leben nach.
Das kann man sich leicht verdeutlichen:
Wir kennen ja alle den Spruch: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu.“ Diesen Satz gab es auch in der Antike. Jesus wendet diesen Satz von der Negation ins Positive: „So wie du behandelt werden willst, so behandle deinen Nächsten“ (Mt 7,12). Wir machen aber leider die Erfahrung, dass wir uns anderen Menschen gegenüber nicht so verhalten, wie es nach unseren eigenen Grundsätzen eigentlich sein sollte. Wir haben gewöhnlich Entschuldigungen dafür: Der andere hat angefangen, es war Stress ...
Vielleicht verhält es sich mit uns Menschen ja genauso wie mit Zitronen:
Wenn man eine Zitrone presst, kommt Saft heraus. Dieser Saft ist sauer. Er ist aber nicht durch das Drücken sauer geworden. Er war vorher schon sauer. Genauso ist es vielleicht mit uns: unter Druck (Stress) kommt heraus, was in uns steckt. Das meiste Leid dieser Welt wird von Menschen an Menschen begangen: Krieg, Mord, Folter: Das tun Menschen anderen Menschen an. Nach dem letzten Krieg sagten viele:
Ich habe in diesem Krieg meinen Glauben an Gott verloren. Es wäre wohl besser gewesen zu sagen: Ich habe meinen Glauben an den Menschen verloren.
Was sie sahen, waren Gräueltaten begangen von Menschen an Menschen. Selbst Unfälle, Krankheiten, Hungersnöte und Umweltkatastrophen können Folgen menschlichen Fehlverhaltens (z.B. Habgier) sein.
Konkretes Leid ist aber nicht automatisch Folge konkreter Schuld. Jesus wird einmal angesichts eines Blindgeborenen gefragt (Joh 9): Wer ist schuld – der Blinde oder seine Eltern? Jesus lehnt diesen kausalen Zusammenhang ab. Als ein Turm einstürzte und Menschen unter sich begrub (Lk 13), da lautete die Frage: Waren diese Menschen so große Sünder, dass ihnen das widerfuhr? Auch hier lehnt Jesus den kausalen Zusammenhang von konkretem Leid als Folge konkreter Schuld ab. Stattdessen ruft Jesus seine Zuhörer zur Umkehr zu Gott auf. Wenn uns etwas Gutes gelingt, schreiben wir es uns selbst zu; wenn uns etwas Böses widerfährt, fragen wir „Wie kann Gott so etwas zulassen?“
Viele stellen sich Gott wohl als eine Art Feuerwehr vor, die eingreift, wenn es brenzlig wird.
Andere denken bei Gott nicht so sehr an einen liebenden Vater im Himmel als an einen lieben Großvater, der am Ende des Tages sagt: Hauptsache es hat allen gefallen. Aber kann Gott so sein? Kann er sich abfinden mit unserem Verhalten? Würde eine solche Haltung den Opfern (und den Tätern) der Geschichte gerecht?
Bevor wir zur christlichen Antwort auf die Frage nach dem Leid kommen, müssen wir einen bedenkenswerten Sachverhalt erwähnen: In unserer Welt hat Schmerz auch eine positive Funktion. Ohne Schmerzempfinden können wir nicht leben. Schmerz ist eine Warnung vor Gefahr: Achtung, heiße Herdplatte! Nicht zu nahe kommen!
Oder Schmerz signalisiert: Es ist etwas nicht in Ordnung; es muss in Ordnung gebracht werden. Wer Zahnschmerzen hat, kann zwar seine warme Suppe mehrere Wochen lang ganz langsam rechts hinuntergleiten lassen, aber er weiß, der Zahn links muss in Ordnung gebracht werden; ich muss zum Zahnarzt.
Diese positive Funktion des Schmerzes gilt auch im übertragenen Sinne: Viele Menschen sagen, dass eine bestimmte katastrophale Situation (Unfall, Krankheit), deren Folgen sie vielleicht heute noch schmerzlich spüren, für ihr Leben wichtig war, weil ihr Leben sonst in eine völlig falsche Richtung gegangen wäre.
Unser Interesse am Thema „Leid“ ist die Aufhebung des Leids. Gottes Interesse ist die Aufhebung der Ursache des Leids.
Das Neue Testament berichtet davon, dass Gott in Jesus Mensch wurde. Er kam in unsere Welt des Leidens und Sterbens, er nahm den Tod auf sich und gab sein Leben für uns als Lösegeld, damit unser Leben mit Gott wieder in Ordnung kommt. Deshalb schreibt Paulus nicht nur, „der Tod ist der Sünde Sold“ (Röm 6,23a), sondern auch, „die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6,23b). Die Antwort des christlichen Glaubens gründet sich auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebr 12,1-3) – auf sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung. Wenn Jesus Leidenden begegnete, heilte er sie, d.h. Leid ist nicht in sich selbst gut – auch wenn es positive Funktionen haben kann. Diese Heilungen Jesu zeigten seine Macht über Sünde und Tod; gleichzeitig waren sie vorläufig, „Appetitanreger“ auf die neue Welt Gottes – „... ohne Tod, ohne Trauer ... ohne Leid“ (Offb 21,4). In unserer von Gott abgefallenen Welt wird Leid nicht verschwinden (nach Bonhoeffer ist es das stärkste Zeichen unserer Trennung von Gott).
Die christliche Antwort auf das Problem Leid ist die Aufhebung des Leids in dieser neuen Welt Gottes. Paulus schreibt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll (Röm 8,18). Und im Philipperbrief (Kap 3,20f.) schreibt er, dass Jesus Christus den „Leib unserer Niedrigkeit verwandeln wird in den Leib seiner Herrlichkeit“.
Manche halten diese Antwort für Wunschdenken und Jenseitsvertröstung: wer hier zu kurz gekommen ist, hofft auf die Kuchen im Himmel. Was ist von diesem Vorwurf zu halten?
Dass man etwas wünscht, heißt nicht, dass es das nicht gibt. Manche unserer Wünsche gehen in Erfüllung, andere nicht. Der Vorwurf des Wunschdenkens ist übrigens ambivalent: Wunschdenken kann es auf beiden Seiten geben. Man kann auch wünschen, dass es keinen Gott geben möge, dem man im Jenseits begegnen könnte. Die Frage muss vielmehr heißen, welchen Grund haben wir, an die Erfüllung unserer Wünsche zu glauben? Für Christen ist die Auferweckung von Jesus durch Gott die Bestätigung seines Redens und Handelns. Deshalb feiern wir Ostern und den Sonntag als Tag der Auferstehung.
Andere machen den Christen den Vorwurf, dass der Glaube an die Auferstehung weltflüchtig mache. Das Gegenteil ist richtig. Gerade weil die Christen wussten und wissen, dass wir Menschen nicht Kandidaten des Todes, sondern des ewigen Lebens sind, haben sie Zeit und Kraft für die Notleidenden und für die Belange dieser Welt eingesetzt. Christen wussten und wissen, dass jeder Mensch in den Augen Gottes wertvoll ist und der Einsatz für andere nicht vergeblich ist (1. Kor 15,58).
Der Philosoph Robert Spaemann schreibt: „Das Leiden kann nur dann einen Sinn haben, wenn es relativ ist. Und es ist nur dann relativ, wenn es tatsächlich aufgehoben wird – und zwar jedes Leiden. Es genügt nicht, wenn irgendwann irgendwelche Menschen vielleicht glücklich sein werden, aber die vergangenen Menschen waren eben unglücklich. Aufgehoben wird das Leiden nur, wenn der Schmerz eines jeden aufgehoben wird in Freude. Davon ist am Ende des Neuen Testaments in der Apokalypse die Rede.“
Im Psalm 23 wird in den Versen, die von den dunklen Zeiten unseres Lebens sprechen, vom Er („führet mich auf rechter Straße …“) zum Du übergegangen: „Du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab trösten mich.“ (V. 4).
Gott ist nicht fern von uns. Im Gebet sollen wir keinen fernen Gott herbeirufen, sondern wir dürfen den nahen Gott anrufen. Er ist nur ein Gebet von uns entfernt. Und wir dürfen ihn als „Vater“ mit „Du“ anreden.
Gerade weil die Christen wussten und wissen, dass wir Menschen
nicht Kandidaten des Todes, sondern des ewigen Lebens sind, haben
sie Zeit und Kraft für die Notleidenden und für die Belange dieser
Welt eingesetzt.
Dr. Jürgen Spieß, Althistoriker und Leiter des „Instituts für Glaube und Wissenschaft“ (iguw.de) in Marburg
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