Typ eins oder Typ zwei?
Wie kommt ein Sofa-Krieger und Wohnzimmer-Abenteurer dazu, sich von dem geliebten deutschen Hochgeschwindigkeitsleben zu verabschieden und in ein Land zu reisen, von dem er vorher nicht mal wusste, dass es existiert? - Das wüsste ich auch gern!
Aber hier bin ich in Guinea/Westafrika. Vor etwa eineinhalb Jahren lebten meine Frau und ich noch in Deutschland und verdienten unsere Brötchen als Sozialarbeiterin und Trickfilmzeichner. Und heute sind wir in Afrika und arbeiten als „missionarische Entwicklungshelfer“ oder „entwicklungshelfende Missionare“. Was wir genau tun? Das werde ich gleich erzählen. Aber alles schön der Reihe nach...
Als junger Kerl dachte ich mir, dass es zwei Arten von Missionaren geben müsste. Da war zuerst die Kategorie eins: die Superhelden. Okay, sie schwangen sich zwar nicht wie Spiderman oder Batman durch die Nacht, aber dafür erlebten sie Abenteuer als Pray-Man oder Evangelize-Man. Wenn ich diese heiligen Helden auf einem Jugendtag oder einer Konferenz erzählen hörte, war ich mir sicher: Das war nicht meine Schuhgröße. Wenn sie sich im Schnellimbiss einen Hamburger holten, bekehrte sich der Verkäufer. Ich dagegen lebte als Christ oft im Kampf mit mir selbst, ich erlebte Siege – aber auch eine Menge Niederlagen. Ich war also ganz klar kein Missionar Typ Eins.

Und dann gab es da noch die Kategorie zwei: Die Vor-drei-Jahrzehnten-Lebenden. Das waren die Leute, die von meiner Lieblingsmusik Ausschlag bekamen. Für sie war augenscheinlich die Zeit stehen geblieben. Jegliche Technik und Mode, die nicht aus ihrer eigenen Jugend stammte, war schlecht und ablehnenswert. Musste ich als einer von Gottes Leuten tatsächlich meine Frisur betonieren, die Ohrringe ausraufen, meine Shirts zerreißen und nur den „Ja damals“-Sampler im CD-Player haben? Irgendwie sah ich mich auch nicht als Missionar Typ zwei.
Und trotzdem war die ganze Zeit in mir eine Unruhe: Was ist, wenn Gott tatsächlich auch Pläne mit mir hätte? Versteht mich recht: Gott hat für jeden einen Plan. Davon war ich theologisch voll überzeugt. Aber sollte ausgerechnet ich losgehen? Ich meine – ich arbeitete als Trickfilmzeichner! Würde Gott nicht viel lieber einen Arzt oder einen Theologen in den Busch schicken? Das würde doch viel mehr Sinn machen.

Aber immer, wenn meine Frau und ich über unsere Zukunft nachdachten, ließ uns der Gedanke nicht los: Will Gott eventuell uns auf den Weg schicken? Ich fühlte mich wie ein Soldat, der in seiner Einheit steht; der Offizier ruft: „Ein Freiwilliger vor!“ und alle anderen treten einen Schritt zurück. Trotz aller Fragen war ich mir absolut nicht sicher. Es war schließlich keine zehn Meter hohe feurige Schrift am Himmel zu sehen. Ebenso wenig ertönte eine geheimnisvolle, tiefe, nachhallende Stimme, die mir sagte: „Geh nach Afrika!“ Obwohl ich mir so etwas in der Richtung gewünscht hätte. Ich fühlte mich eher wie ein Typ, der nach Einbruch der Dunkelheit durch ein Abbruchhaus schleicht, ohne zu wissen, wo die Löcher im Boden sind: ich suchte den richtigen Weg.
Schließlich ergriffen wir die Initiative und riefen bei „Christliche Fachkräfte International“ an. Deren Aufgabe ist es – wie der Name schon sagt, Christen mit ihrem Beruf in alle Herren Länder zu senden. Ich hatte mir das so gedacht: Meine Frau ist Krankenschwester und Sozialarbeiterin. Hervorragende Eignung für alle möglichen Projekte! Sie würde einen Job kriegen und ich wäre mitausreisender Ehepartner. Ich hätte dann endlich Zeit für meine Geheimprojekte: meinen eigenen Comic herausbringen, Elektro-Musik auf dem Rechner fabrizieren – ähm und natürlich meine Frau unterstützten. Immer noch war ich mir sicher: Einen brotlosen Skizzenkritzler würde Gott nicht brauchen können...

Denkste! CFI präsentierten uns ein Projekt, das wie maßgeschneidert für uns beide schien. Unter dem vielsagenden Oberbegriff „Ländliche Entwicklung und Beratung“ sollten wir Projekte für Jugendliche entwickeln. Falls sich das jetzt sehr nebulös anhört – denselben Gedanken hatten wir damals auch. Auf gut Deutsch bedeutete das, dass noch kein fertiges Projekt existierte. Wir müssten vor Ort sehen, was gebraucht und gewünscht würde.
Ich habe verschwiegen, dass ich auch einen „ordentlichen“ Beruf habe: ich hab’ mal Architektur studiert und eine Zeit lang in einem Architekturbüro mitgearbeitet. Neben Kaffeekochen bekam ich da auch die Grundlagen von Projektmanagement mit. Dazu kamen noch unsere Erfahrungen mit Straßenkindern, und mit „frommen“ Jugendlichen aus einem reichlichen Jahrzehnt Jugendarbeit. Also waren wir nicht vollkommen ungeeignet. Einziger Hinderungsgrund: Die Angst, auf die Nase zu fallen.
Als meine Frau und ich dann nach etlichem Fragen und Beten die Entscheidung trafen: Ja, wir wollen losgehen! – da waren wir uns absolut nicht sicher, wie sich alles entwickeln würde. Gott hatte uns keine Versicherungspolice ausgestellt, in der drinstand: „Hiermit garantiere ich Romy und Heiko Schwarz, dass sie bei ihrer Arbeit in Guinea immerwährenden Erfolg haben und ständig 34 Zentimeter über den Problemen schweben werden.“ Er wollte zuerst einmal Vertrauensvorschuss. Wir haben dabei ganz neu den Bibelvers unserer Trauung entdeckt: „Wer auf den Wind achtet, wird nie säen und wer auf die Wolke sieht, wird nie ernten...“ (Prediger 11, 4). Ein bisschen Risikobereitschaft gehört schon dazu.

Und jetzt sind wir seit einigen Monaten in Guinea. In einem Land, das die Größe von Großbritanniens hat, etwa sieben Millionen Menschen; mehr als ein Viertel davon in Conakry, der Hauptstadt. Und täglich kommen mehr in die Hauptstadt, die mit ihren Slums und Blechhütten aus allen Nähten platzt. Die Leute wollen in der großen Stadt das Glück finden. Aber die meisten suchen vergeblich...
Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahren alt. Knapp dreiviertel der Leute haben keine echte Arbeit, und schlagen sich als Gelegenheitsverkäufer, Schuhputzer, Bettler, Geldwechsler, Botengänger und so weiter durchs Leben. Wenn man einen Jungen hier fragt, was er werden will, dann hört man überwiegend Vorstellungen, wie: „Fußballstar in Deutschland oder Frankreich...“ Die jungen Leute sehen in ihrem Land einfach keine Perspektiven. Auch der Islam, der mit über 80 Prozent hier die vorherrschende Religion ist, gibt ihnen keine Zukunft.
An diesem Punkt wollen wir einsteigen. Wir werden unter der Volksgruppe der Peuhl arbeiten. Das ist ein Nomadenvolk, das im gesamten westlichen Afrika zu finden ist. In Guinea sind die Peuhl sesshaft geworden und leben von ihren Äckern und ihren Viehherden oder arbeiten als Händler. Sie sind die Missionare des Islams - zu fast einhundert Prozent Muslime.
Und doch gibt es auch hier Christen. Wir werden eine kleine Peuhl-Gemeinde unterstützen und gemeinsam mit den Christen vor Ort Projekte entwickeln. Unser Ziel ist es, den Menschen Perspektiven zu zeigen. Zum einen für das praktische Leben: Wir würden gern Möglichkeiten schaffen, dass Jugendliche eine Ausbildung erhalten und mit einem Beruf ihren Lebensunterhalt verdienen können. Aber es geht auch um ewige Perspektiven. Was bringt es schon, materiell über die Runden zu kommen, wenn innerlich alles leer ist? Und der Islam füllt die Menschen nicht aus. Fast alle Leute, mit denen ich in Kontakt komme, sind Muslime, und sie leben ihren Glauben aus einem Zwang heraus. Weil die Familie und das ganze Dorf Muslime sind, müssen auch sie so leben. Außerdem war es schon immer so. Wer anders denkt, missachtet die Gemeinschaft und fällt aus allem heraus: aus der Familie und damit auch aus der sozialen Absicherung. Stell Dir vor, du bist vierzehn Jahre jung und wirst Christ. Als Reaktion darauf fliegst du zu Hause raus. Keine Chance zu arbeiten, kein Platz zum Wohnen. Was nun? Wenn wir an diesem Punkt den Kreislauf durchbrechen könnten, wären wir mehr als zufrieden.

Unsere echte Arbeit hat noch nicht begonnen, denn zuerst dürfen wir (nach Englisch und Französisch) noch eine weitere Sprache lernen. Nämlich Pular. Im Landesinneren wird nämlich die offizielle Amtssprache Französisch kaum gesprochen. An sich sind wir überrascht, dass Pular tatsächlich erlernbar sein soll. Andererseits: Wenn's kleine Peuhl-Kinder lernen können, warum nicht auch wir. Wenn einen auch manche Sätze ganz schön herausfordern. Zum Beispiel der nette Satz: „mi waawataa Pular buy, ko seeda mi waawi, ko e ekkitade mi woni.“ (Ich spreche nur ein bisschen Pular, weil ich es gerade lerne.)
Vor ein paar Tagen traf es mich dann gänzlich unvorbereitet. Ich heiße nämlich nicht mehr Heiko. Jedenfalls bei den Peuhl. Der Grund ist die Doppeldeutigkeit meines Namens – wer hätte das gedacht? Na, ich hätte schon misstrauisch werden sollen, als die Kinder im Dorf ständig vor sich hin grienten und meinen Namen laut herum riefen. Warum in aller Welt konnten sie sich den überhaupt merken? Der Grund: Er hat eine Bedeutung in Pular. Nicht sehr schmeichelhaft. „Heiko“ heißt dort nämlich: „wegwerfen“ – das bezieht sich vor allem auf Müll. Nicht unbedingt ein Name, mit dem ein Pulo politische Karriere machen kann...
Und so kam es, dass ich meinen Namen ändern musste. Lamin, der Pastor der kleinen Peuhl-Gemeinde, der ein bisschen Arabisch kann, schlug mir den wohlklingenden Namen „Hakiim“ vor. Das ist ein echter Peuhlname. Er bedeutet im Arabischen: „Der Weise“, „Der Richter“, „Der Herrscher“. Nach längerem Nachdenken (0,35 Sekunden) entschloss ich mich, den neuen Namen anzunehmen und mit Würde zu tragen.

Was soll ich sagen? Gott hat unsere Pläne ganz schön über den Haufen geworfen und uns an einen Platz gestellt, der unheimlich spannend und herausfordernd ist. Ich bereue keine Minute. Doch zurück zur großen Frage: Welche Sorte Missionar bin ich jetzt? Ich bin nicht der „Superheld“ und werde es auch nie sein. Ich trete in Fettnäpfe, mache Fehler – aber ich darf daraus lernen und täglich neu mit Jesus beginnen. Ich bin aber auch nicht der Typ von Vorgestern. Ich behaupte mal, dass ich die lauteste „Missionarsmusik“ Westafrikas mit mir führe. Und ich habe einen Comicvorrat mit nach Afrika genommen, sodass ich die bilderlose Zeit wahrscheinlich ohne bleibende Schäden überleben werde. Ich bin kein Typ eins oder Typ zwei – nein, ich bin ich. Das ist beruhigend: Wenn du auf Gottes Wegen gehst, legst du nicht deine Persönlichkeit ab – du entdeckst Sie. Ich bin gespannt, wie’s weitergeht.
Heiko Schwarz
Mehr Infos unter www.rhschwarz.de und www.christliche-fachkraefte.de
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