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Evolution oder Schöpfung?
Auch schon mal in Bio gesessen und gemerkt, dass das, was du über die Entstehung der Welt lernst, an deinem Glauben an Gott nagt? Ein Interview, Infos und Gedanken dazu, warum das gar nicht sein muss.
Prof. Dr. Scherer, Sie sind mikrobieller Ökologe und erforschen das Leben. Was muss man sich darunter vorstellen?
Prof. Dr. Scherer: Als Biologe forsche ich im Laboratorium an Bakterien. Wir untersuchen Krankheitserreger wie zum Beispiel Salmonellen: Wo leben sie, wie kommen sie in die Lebensmittel und wie machen sie den Menschen krank?
Durch Ihre wissenschaftliche Arbeit haben Sie einen sehr guten Einblick in die Art und Weise, wie Leben funktioniert. Glauben Sie trotzdem an Bibelstellen wie die Schöpfungsgeschichte, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat?
Ich weiß nicht, was hier »Tag« bedeutet. Die Schöpfungstexte sind von Gott inspiriert, aber ich glaube nicht, dass wir sie naturwissenschaftlich verstehen sollen. Das sind keine wissenschaftlichen Lehrbücher. Deshalb halte ich es nicht für angemessen, wenn man den Schöpfungsbericht physikalisch oder biologisch deutet. Die Schöpfung ist geheimnisvoll und wissenschaftlich nicht fassbar.
Aber muss man dann nicht alles, was in der Bibel steht, in Frage stellen?
Nein. Die Bibel wurde zwar von Menschen aufgeschrieben, aber denen hat sich Gott manchmal auf geheimnisvolle Weise offenbart. Die Frage ist, ob ich das Geschriebene richtig verstehe. Die Offenbarung z.B. entzieht sich meiner wissenschaftlichen Einsicht ganz und gar. Darüber, wie man sie verstehen kann, kann man lange diskutieren. Und so ist das mit dem Schöpfungsbericht auch.
Was glauben Sie, wie alt unsere Erde ist?
Geophysik und Astrophysik sprechen dafür, dass die Erde fast fünf Milliarden Jahre alt ist. Es gibt andererseits gute Hinweise darauf, dass geologische Schichten sehr schnell entstanden sind. Soweit ich sehe, sind die Indizien für ein hohes Alter der Erde insgesamt aber sehr überzeugend.
Wie bewiesen ist die Urknall-Theorie?
Der Urknall, wenn er stattgefunden hat, ereignete sich in der fernen Vergangenheit. Keiner von uns war dabei. Wir haben aber ungezählte astrophysikalische Messdaten. Zwar kann man nie ganz sicher sein, dass deren Interpretation richtig ist. Soweit ich als Laie sehe, sprechen aber die allermeisten Daten dafür, dass vor vielen Milliarden Jahren ein Urknall stattgefunden hat.
Könnte nicht auch Gott hinter so einem Urknall stecken?
Klar. Ich glaube, dass der Urknall direkt mit dem Schöpfungshandeln Gottes zu tun hat. Der Urknall ist für mich eine nahezu perfekte Umschreibung der biblischen Aussage, dass die Welt aus dem Nichts erschaffen wurde.
Heißt das, dass ich sowohl an Gott als auch an die Evolutionslehre glauben kann?
Viele überzeugte Christen glauben, dass Gott die Welt durch einen Urknall und durch Evolution geschaffen hat. Andere Christen verstehen die Bibel so, dass Gott das Universum in sechs Tagen erschaffen hat und dass die Welt nur 10.000 Jahre alt ist. Das Christsein hängt davon nicht ab. Allerdings sind wir als Christen ja zur Wahrhaftigkeit verpflichtet. Das heißt auch: Was immer man von der Bibel her in Bezug auf Schöpfung oder Evolution glaubt, niemand darf wissenschaftliche Daten schnell unter den Tisch fallen lassen. Besonders dann nicht, wenn der Tisch in der Kirche steht und zufällig wie ein Altar aussieht .
Meistens ist es ja so, dass die, die an die Evolution glauben, auch glauben, dass alles durch Zufall entstanden ist.
Es gibt eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, die glauben, dass sowohl der Urknall als auch Evolution reine Naturvorgänge sind. Aber das ist ein Glaube, keine wissenschaftliche Aussage. Andere Wissenschaftler glauben, dass der Evolutionsprozess von Gott gelenkt wurde.
Gibt es Hinweise darauf, dass die Welt nicht durch Zufall entstanden ist?
Es gibt verblüffende Indizien dafür, dass die Welt ganz genau so geplant ist, dass Leben möglich ist. Manche Wissenschaftler nennen dies das »anthropische Prinzip«, ohne deswegen an den Gott der Bibel zu glauben. Wenn ich als Wissenschaftler das Universum und das Leben anschaue, dann bin ich immer wieder überwältigt von der Herrlichkeit und Macht des Schöpfers. Aber solche Indizien sind keine Gottesbeweise. Gott kann man nicht beweisen, an Gott kann man nur glauben.
Wo hat Ihrer Meinung nach die Evolutionslehre ihre größte Lücke?
Erstens: Woher kommt Leben ursprünglich, eine erste Zelle in all ihrer Vielfalt und Gesamtheit? An dieser Frage sind alle »Ursuppentheorien« bisher gescheitert. Zweitens: Wie konnten geniale biologische Strukturen wie z.B. Vogelfedern oder Augen entstehen? Wir wissen nicht, wie das durch bekannte Evolutionsprozesse gehen kann.
Zeigen diese Lücken nicht doch, dass es einen Schöpfer geben muss?
Vielleicht gibt es diese Wissenslücken, weil die Welt nur durch Schöpfung erklärt werden kann. Aber vielleicht werden sie durch weitere Forschung künftig geschlossen? Niemand weiß das heute. Der Gott, an den ich glaube, wohnt nicht in den Wissenslücken der Biologie, sondern hat sich dadurch deutlich offenbart, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist.
Kann ich denn jetzt trotzdem von meinem Biolehrer erwarten, dass er die Schöpfungsgeschichte als Alternative akzeptiert und auch im Unterricht erwähnt?
Nein. Die Schöpfungsgeschichte ist keine naturwissenschaftliche Theorie und sie gehört nicht in den Biologieunterricht. Die Evolutionstheorie ist dagegen ein wissenschaftlicher Versuch, das Leben und seine Entstehung zu verstehen. Sie kann richtig oder falsch sein, und das kann man in gewissem Rahmen testen. Sie wird nur dann zum Problem, wenn sie zu einem Glaubenssystem mit Absolutheitsanspruch wird. Im Evolutionismus wird die Evolutionstheorie als Beweis gegen Gott missbraucht. Dahinter steht ein Glaube, dass es keinen Gott gibt.
Wie erkennt man das denn?
Eine wissenschaftliche Theorie wird immer zugeben: »Es könnte auch anders gewesen sein, wir könnten uns irren.« Wenn man aber hört, dass niemand diese Theorie mehr bezweifeln darf, oder wenn sachliche Kritik unterdrückt wird, dann weiß man: Dahinter versteckt sich ein Glaube.
Was gehört dann in den Biologieunterricht?
Beispielsweise ungeklärte wissenschaftliche Fragen zur Evolutionstheorie und die Kritik am fundamentalistischen Evolutionismus, der keine andere Anschauung zulässt.
Welchen Rat haben Sie für jemanden, der durch dieses Thema echte Glaubenszweifel bekommen hat?
Der Glaube ist keine verstandesmäßige Trockenübung. Denken ist wichtig, damit verdiene ich seit dreißig Jahren mein Brot. Aber mein Glaube hängt nicht davon ab, dass ich alle offenen Fragen beantworten kann. Der christliche Glaube lebt von der Beziehung, die ich zu dem Gott der Bibel und dem auferstandenen Jesus habe. Der individuelle christliche Glaube beruht auf Gotteserfahrung. Wie der Schöpfungsbericht im Einzelnen zu verstehen ist, finde ich im Vergleich dazu nicht so wichtig. Außerdem dürfen wir Gott sehr direkt sagen, dass wir Zweifel haben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Mit allen Zweifeln dürfen wir darum bitten, dass Gott uns persönlich begegnet und er uns Glauben schenkt. Ich persönlich kenne den Zweifel aus nächster Nähe. Gott hat mich in allen Glaubenszweifeln immer wieder gehalten und getröstet, meistens ohne dass er mir dabei eine Antwort auf meine intellektuellen Fragen gegeben hat.
Fragen und Infos_Maren Seitzinger ist froh, dass sie heute mit diesem Thema viel entspannter umgehen kann als früher in Bio.
Antworten_Prof. Dr. Siegfried Scherer studierte Biologie, Chemie und Physik. Er leitet den Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München (www.wzw.tum.de/micbio/). Sein besonderes Interesse liegt im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben.

Stoff für Spürnasen
Web-Seiten:
• www.siegfriedscherer.de// Die Homepage und weitere Infos zu unserem Interviewpartner Siegfried Scherer
• www.wort-und-wissen.de, www.wort-und-wissen.ch// Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen vertritt u.a. die Annahme, dass unsere Erde noch nicht so alt ist
• www.iguw.de// Das Institut für Glaube und Wissenschaft vertritt eine neutrale Position zu Schöpfung und Evolution
• www.genesisnet.info// Auf diesen Seiten gibt’s ausführliche Informationen über die Entstehungsgeschichte – Argumente für und gegen die Schöpfung bzw. die Evolution. Mitgewirkt hat auch Wort und Wissen.
Buch-Seiten:
• Reinhard Junker: Leben – Woher?// Die kurzen Kapitel des Sachbuchs sind gut verständlich, anschaulich und aktuell und geben über alle Gebiete des Themas einen Überblick aus biblischer Sicht.
• Henrik Ullrich: Fabians unerwartete Entdeckung – Wissenswertes über Brillen, Stammbäume und den Ursprung des Lebens// Ein Roman, der eine begründete Alternative zu Darwins Abstammungslehre vorstellt und damit eine Hilfestellung für Diskussionen zum Thema sein kann.
• Werner Gitt und Karlheinz Vanheiden: Wenn Tiere reden könnten// Hier sprechen Schnabeltier und Regenwurm selbst davon, mit welchen faszinierenden Eigenschaften und Fähigkeiten sie geschaffen wurden. Sehr informativ und unterhaltsam, aber keine direkte Auseinanderseztung mit der Evolutionstheorie.
• John Lennox: Hat die Wissenschaft Gott begraben?// Der irische Wissenschaftler geht der Frage nach, ob die modernen Naturwissenschaften wirklich ohne Gott auskommen können und die Entstehung der Welt ohne ihn denkbar ist. Anspruchsvolle Lektüre!
• Richard Wiskin: Die Bibel und das Alter der Erde// Der Autor legt viel Wert auf das Zeitverständnis in der Bibel. So werden Fragen zum Alter der Schöpfung wie z. B. »Länge der Schöpfungstage« oder »Ein Tag wie tausend Jahre« sehr ausführlich und gründlich untersucht.
Wer glaubt was? Annahmen, Auffassungen, Anhänger
Kreationismus// Kreationisten lehnen die gängige Meinung ab, dass die Arten durch eine natürliche Auslese und durch Zufall entstanden sind. Sie glauben, dass Gott der Schöpfer der Welt und aller Arten ist. Viele Kreationisten glauben, dass die Schöpfungstexte in der Bibel wie eine Art Augenzeugenbericht zu verstehen sind und dass die Erde viel jünger ist als man allgemein annimmt. Unter anderem werden die Fossilienfunde im Zusammenhang mit der großen Flut (der Noah-Geschichte) interpretiert. Große Wassermassen könnten das Erdalter verfälscht haben, und darum wird das Alter der Erde auf einige tausend Jahre geschätzt.
Es gibt aber auch Kreationisten, die sich unter anderem vorstellen können, dass Mensch und Tier eine gemeinsame Abstammungslinie haben und dass es eine Art Urknall gegeben hat, lehnen aber das Zufallsprinzip - dass alles Leben zufällig entstanden ist - ab. Hinter dieser Entwicklung steckt für sie der Gott der Bibel.
Intelligent Design// Die Intelligent Design-Theorie glaubt, dass die Entstehung komplexer biologischer Strukturen nicht durch das Zufallsprinzip erklärt werden kann. Sie kommt im Gegensatz zum Evolutionismus zu dem Schluss, dass eine Intelligenz, ein Designer, hinter der Evolution stecken muss. Intelligent Design sucht nach etwas »Übernatürlichem«, aber da sich die Wissenschaft nicht mit übernatürlichen Dingen beschäftigt, sondern nur mit messbaren Dingen, ist Intelligent Design keine Wissenschaft, sondern eine Glaubensphilosophie. Anhänger dieser Richtung glauben aber nicht automatisch an den Gott der Bibel. Das Übernatürliche könnte alles Mögliche sein.
Evolutionstheorie// Die Evolutionstheorie versucht, anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erklären, wie Mensch- und Tierarten entstanden sind und welche Veränderungen sie durchlaufen haben. Die biologische Evolutionstheorie beschreibt den aktuellen Forschungsstand zu dieser Frage. Dabei gibt es in Detailfragen viele unterschiedliche Evolutionstheorien, wobei man sich innerhalb der Wissenschaft darüber einig ist, dass das Evolutionsprinzip an sich nicht angezweifelt wird.
Evolutionismus// Der Evolutionismus geht davon aus, dass die Menschheit verschiedene Entwicklungsstufen vom Einfachen zum Komplexen durchläuft. Anhand von kleinsten Veränderungen, die man heute beobachten kann, erklärt er die Vergangenheit. Ein wichtiger Aspekt dabei ist es, dass das Zufallsprinzip als Grundannahme nicht in Frage gestellt wird. Dass aus etwas Einfachem etwas Kompliziertes entstanden ist, ist rein zufällig geschehen.