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Aus teensmag 03/10 - teensmag.net

special// gewalt.


Mobbing ist Nervensache

Infos über Opfer und Täter und wie man das Ding stoppt

»Camel« hieß ein Mädchen in unserer Klasse. Sie rauchte Zigaretten dieser Marke, bewegte sich langsam und in ihrem Gesicht fanden wir die naive Freundlichkeit eines Kamels. An mich wird sie heute nicht denken, wenn sie sich an ihren Spitznamen erinnert oder an versteckte Mäppchen, dumme Bemerkungen, versperrte Wege auf dem Schulgang. Ich habe mich da rausgehalten. Weggucker, Mitläufer, Täter oder Opfer, irgendeine Rolle hat wohl jeder schon gespielt. Je nachdem wie gefragt wird, sagen 10% bis 16% aller Schüler, dass sie schon einmal gemobbt wurden (und etwa 5% der Azubis). In der Hälfte der Fälle findet Mobbing in der eigenen Klasse statt, am häufigsten kommt es in der 6. bis 10. Klasse vor.

Mobbing ist Bosheit
Das Leben kann frustrierend sein: Spannungen zu Hause, Leistungsdruck, Unzufriedenheit mit sich selbst. Eine gute Gemeinschaft kann das ausgleichen, durch Spaß, Freundschaft und das Gefühl, bei anderen anzukommen. Aber das schafft nicht jede Gemeinschaft. Dann staut sich Frust auf, der sich entladen will und ein Opfer sucht, meist eines der Folgenden:
-    Eine(r) zeigt Schwäche: »Ich fühle mich unsicher. Ich bin auch nett zu dir, wenn du mich schlecht behandelst. Ich kann mich nicht wehren.«
-    Eine(r) nervt: gibt an, spricht ohne nachzudenken, merkt nicht, wenn andere unter sich sein wollen, pflegt sich nicht, macht peinliche Bemerkungen.
-    Eine(r) ist zu fremd: hat Eigenarten einer anderen Kultur, hat nicht die Sachen, die in sind, befolgt die ungeschriebenen Gesetze nicht, nach denen man sich in der Klasse verhält.
Anders gesagt: Es kann jeden treffen. Denn wer ist nicht einmal schwach und unsicher? Wer nervt andere nicht einmal? Du ziehst in eine andere Gegend und schon bist du der Außenseiter.
Anti-Mobbing-Tipp// Nimm es ernst, wenn du gemobbt wirst. Fordere den anderen unter vier Augen auf, sein unfaires Verhalten zu lassen, eventuell auch schriftlich. Führe ein Mobbing-Tagebuch, dann hast du eine Grundlage für die weiteren Schritte.

Mobbing ist Nervensache
Mobbing kann extrem unter Stress setzen: Beleidigungen und Gerüchte, das Verstecken oder Beschädigen von Sachen, Anrempeln oder Angrabschen, gemieden und ignoriert werden. Stress aktiviert die niederen Gehirnregionen, die mit den gleichen Reflexen reagieren wie bei Tieren: Kampf, Flucht oder Totstellen. Das führt in einen Teufelskreis: Das aggressive Opfer heizt das Mobbing an, das fliehende Opfer provoziert ein Katz-und-Maus-Spiel, ein Opfer, das nicht mehr reagiert, wird so lange gereizt, bis es austickt. Deshalb ist das Wichtigste: Nervenstärke zeigen und trotz Stress angemessen reagieren: kleinen Schikanen mit Humor und Schlagfertigkeit begegnen, schlimmen Schikanen mit kluger Gegenwehr. Das ist leichter gesagt als getan. Allein bekommt man seine Gefühle in der Regel nicht in den Griff. Allein findet man sein Selbstbewusstsein kaum wieder.
Anti-Mobbing-Tipp// Suche dir Menschen, mit denen du reden kannst und die dich wieder aufbauen. Vielleicht ein Vertrauenslehrer, Schulpsychologen, deine Eltern oder einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Kaufe dir ein Buch, das deine Schlagfertigkeit trainiert, zum Beispiel »Die etwas intelligentere Art, sich gegen dumme Sprüche zu wehren« von Barbara Berckhan.

Mobbing ist eine Machtfrage
Eine gute Gemeinschaft hat die Macht, unfaires Verhalten von einzelnen zu stoppen. Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung verhindert Fehlentwicklungen in der Klasse. Aber wenn die Klassengemeinschaft und das Verhältnis zu den Lehrern gestört sind, können einzelne viel Macht gewinnen. Und Mobber nutzen ihre Macht gnadenlos aus. In einer guten Gemeinschaft mag es richtig sein, dass man nicht petzt und Konflikte unter sich austrägt. Aber beim Mobbing stimmt das nicht. Mobber stoppt man erst, wenn sich die Machtverhältnisse ändern. Dafür müssen Menschen aktiv werden, die Macht haben. Manchmal gelingt es, in der Klasse Verbündete zu finden. Aber wer sich mit einem Opfer verbündet, wird oft selbst angegriffen. Deshalb halten sich viele raus.
Anti-Mobbing-Tipp// Wende dich an Leute, die Macht haben und bereit sind, einzugreifen: Eltern, Lehrer, Schulleiter.

Mobbing, eine Glaubenssache?
Gott will nicht, dass wir eine Opferrolle spielen. Er will aber auch nicht, dass wir uns durch Bosheit selbst böse machen lassen. Eine gute Haltung lässt sich so in Worte fassen: »Ich verzeihe dir. Du weißt vielleicht nicht, was du da tust. Aber ich akzeptiere dein unfaires Verhalten nicht. Sobald es in meiner Macht liegt, werde ich es stoppen. Trotzdem gehe ich fair und respektvoll mit dir um.« Nie war Jesus liebenswürdig zu Menschen, die ihn schlecht behandelt haben. Ihn schlecht zu behandeln, das hat niemand Auge in Auge mit ihm geschafft. Das ging nur anonym in der Menge, als Strippenzieher im Hintergrund oder als Befehlsempfänger.
Aber was ist mit der Feindesliebe? Für die Mobber beten? Ja. Verzeihen und die Rache Gott überlassen? Ja. (Du kannst sicher sein, die Strafe kommt: Entweder die Mobber ändern sich oder sie werden ihre Beziehung in den Sand setzen, nie tiefe Freundschaft erfahren, in Gottesferne leben und vielleicht auch wegen ihrer Gefühllosigkeit beruflich scheitern.) Böses mit Gutem überwinden? Ja, aber nicht unterwürfig oder um sich Annahme zu erkaufen. Oft müssen freundliche Worte und Gesten warten, bis sich die Situation entschärft hat.


Text_Jörg Berger ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut.


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