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HINTER GITTERN
WIE SEHEN STRAFFÄLLIGE IHRE SCHULD?
TEXT: Astrid Eichler

»Frau Pfarrer, sie werden merken, alle unschuldig, alles Justizopfer hier drinnen.« Mit diesem Satz wurde ich vielfältig von Bediensteten empfangen. Seit fünf Jahren arbeite ich im Gefängnis – und ich habe es noch nicht gemerkt.
Die meisten, die zu mir zu einem Gespräch kommen, sagen irgendwann: »Ich habe Scheiße gemacht, deshalb sitze ich hier.« Oder »Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Es ist okay, dass ich hier bin.« Von Sünde redet kaum einer.
Und dann sitzen sie da – erleichtert, endlich einmal reden zu können – einfach
so. Oder auch über das, was sie bedrängt. Meistens ist es die Situation mit ihren Leuten draußen, den Angehörigen, Eltern, Kindern, der Frau oder der Freundin. Sie alle leiden unter der Folge der Schuld. Schuld zieht immer Kreise. Unheilvolle Kreise in das Leben vieler, die betroffen sind. Zumindest das tut ihnen Leid. Sie leiden darunter, oft mehr unter den Folgen ihrer Schuld, als unter der Tatsache, dass sie schuldig geworden sind. Manche gestehen ihre Schuld ein und fügen sofort hinzu: »Aber ich habe niemandem geschadet!« Nur Versicherungen betrogen.
»Schuld, ohne jemandem zu schaden. Das gibt es nicht!«, versuche ich zu erklären. »Betrug von einigen schadet allen, die Tarife steigen in die Höhe. Wir zahlen alle dafür.« »Hm, wenn man das so sieht ... Ja, dann ...«
Andere erklären: »Ich brauchte Geld, ganz dringend – was sollte ich denn machen?« Die Ausweglosigkeit des eigenen Lebens als Beginn der Schuld. In unzähligen Gesprächen merke ich, wie viele Anfänge von Schuld es gibt. Und könnte es bei mir nicht genauso anfangen?
Sünde hat so viele Gesichter – und sie gebiert immer neue Sünden und bringt den Tod. »Der Sünde Sold ist der Tod« (Römer 6, 23a). Wie oft klingt dieses Wort in mir auf, wenn ich den Tod fast mit Händen greifen kann: Zerstörtes Leben der Opfer, zerstörtes Leben der Täter. Auch die Atmosphäre im Gefängnis trägt den
Tod in sich.

Da treffe ich einen Mann, 68 Jahre alt, der zählt seine Haftstrafen auf. Ich frage nach: »Wie viele Jahre waren sie in Haft?« »Dreißig.« Er sagt es mit einem gewissen Stolz. Sein Leben – ein rein, raus, wieder rein, raus ... und wieder rein. So etwas gibt es – ja, wirklich!
Ich frage nach, lasse mir erzählen: »Was war da früher mal? Was war zu Hause?« Und wie so oft entfaltet sich vor meinen Ohren eine chaotische Lebensgeschichte. Erfahrungen von Ablehnung, Gewalt, Heimerziehung, Ausbrüchen. Dramatisch und doch so gewöhnlich hinter diesen Mauern.
Geschichten, manchmal kaum vorstellbar!

Dann sitze ich mit einem Sexualstraftäter zusammen. Er gibt mir seine Lebensgeschichte zu lesen, voller Erfahrungen von Gewalt und Vergewaltigung. Der eigene Vater, der ihn missbrauchte. Die Mutter, die es nicht wahrnahm oder nicht wahr haben wollte. Und was wird aus dem Sohn? Ein Missbraucher und Vergewaltiger. Sünde gebiert Sünde.
Und ich denke an den kleinen Jungen, von dem die Mutter, die »einen neuen
Macker hat«, mir am Telefon erzählt: »Ich habe ihn gefragt, welchen Papa er lieber hat – den von früher oder den von jetzt?« Auswechselbare Väter. Was wird aus den Söhnen?

Und doch: Es bleibt dabei – die Verantwortung liegt bei dem Einzelnen. Eine Geschichte kann erklären, aber nicht entschuldigen. Es gibt Gründe, Abgründe, aber keine Entschuldigung. Strafe muss sein und viele der Straftäter sehen das
nicht anders.
Aber es gibt auch die anderen. Die, die die Schuld nur bei den anderen sehen.
Die im Gefängnis um ihr Recht kämpfen, obwohl sie es verwirkt haben und das Recht anderer mit Füßen getreten haben.
Es gibt immer die einen und die anderen. Das ist da drinnen nicht anders als draußen. Und: Das war schon immer so. Schon damals, als Jesus am Kreuz hing.
»Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der
Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus?
Hilf dir selbst und uns!
Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus
sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein
« (Lukas 23, 38-43).
Es gab sie schon immer, die Einsichtigen und die Uneinsichtigen, die Spötter und
die Beter. Es gibt sie heute auch, die, die mir hinterher rufen: »Wenn es Gott gibt, soll er mich hier rausholen!« und die, die ängstlich fragen: »Habe ich noch eine Chance?«
Und die, die sich Jesus zuwenden, stehen unter seiner Barmherzigkeit. Unfassbar! Das habe ich in meinem Dienst im Gefängnis ganz neu begriffen.

Wir bieten im Gefängnis einen Alphakurs an. Bei einem der Treffen haben wir
Gebet angeboten. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind danach tief bewegt. Es sind Tränen geflossen – über die eigene Schuld. Es wurde um Vergebung gebetet und Vergebung empfangen.
In den Gottesdiensten im Gefängnis singen wir immer ein Lied von Albert Frey,
das mir in meinem Dienst überaus kostbar geworden ist: »Es gibt bedingungslose Liebe, die alles trägt und nie vergeht. Es gibt Versöhnung selbst für Feinde und echten Frieden nach dem Streit, Vergebung für die schlimmsten Sünden, ein neuer Anfang jederzeit.«
Im Gefängnis klingt es anders als in einer Gemeinde. Für mich klingt es im Gefängnis kräftiger, schöner, unglaublicher. Und deshalb so kostbar. Die Frage ist nur: Glauben wir das wirklich?
Wenn ich mit den Männern zusammensitze, von ihnen höre und mit ihnen rede,
fange ich an, es immer mehr zu glauben. Und darüber zu staunen. ///

 

Text: Astrid Eichler


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