ORATIO ET TENTATIO
WIE DIE BEZIEHUNG ZUM SCHÖPFER DAS MANNSEIN VERÄNDERN KANN
TEXT: JOHANNES GERHARDT
// Mannsein, was ist das? »Der Ungezähmte Mann«1 von John Eldredge war für mich ausschlaggebend. Ich begann zu suchen. In den Tiefen meines Herzens angesprochen und völlig davon überzeugt, dass ein Mann Abenteuer bestehen, einen Kampf kämpfen und eine Prinzessin retten muss, begann die Reise auf den Spuren des verloren gegangenen Mannes in mir. Die Frage, die mich immer wieder beschäftigte und mich scharenweise Männerbücher lesen ließ, war und ist: Gibt es im Wesen des Mannes etwas genuin Männliches? Etwas, was eben nicht nur durch die Gesellschaft anerzogen worden ist – etwas, wonach sich jedes Männerherz sehnt und damit in jede Beziehung mit Gott hineinspielt?
Mir dessen bewusst, dass sich nicht alle Männer über einen Kamm scheren lassen – ich bin mit »männlichen« Verallgemeinerungen vorsichtig geworden – schienen sich doch manche von mir gemachten Beobachtungen zu häufen. Einige davon nun präsentierend, ähnelt dieser Artikel wohl eher einem Bekenntnis, als einer wissenschaftlichen Abhandlung. Ich bin kein Fachmann, kein Held, kein Mann in »Reinform«. Bei mir ist noch vieles beim Alten geblieben – immer noch keinen Kopfsprung vom 10 Meter hohen Felsen gemacht, keine Prinzessin erobert, kein Waisenhaus gegründet. Aber ich habe Hoffnung. Um diese Hoffnung und einen kleinen Blick in das Herz eines Mannes, was dort tobt und wie man damit umgehen kann, soll es nun gehen.
So mancher Mann trägt zum einen Unsicherheit und Angst und auf der anderen Seite eine tiefe Sehnsucht in sich. Unsicherheit darüber, wer er ist, was er kann, ob er ein ganzer Kerl ist. Er traut sich kaum etwas zu. Hat Angst, Verantwortung zu übernehmen. Angst vor der Realität. Angst, Kontrolle und Sicherheiten aufzugeben. Und so flüchtet er sich in Ablenkungen, bei denen er nichts wagen und sich selbst nicht investieren muss: Oberflächliche Vergnügungen, die nur kurz befriedigen, aber nicht aus der Tiefe des Lebens schöpfen. Essen, Filme, Alkohol, Computer, Drogen, Pornografie, usw. All diese Dinge haben gemeinsam, dass sie ohne große Anstrengung zu haben sind. Aber letztlich lassen sie einen enttäuscht zurück. Aus falsch gestillter Sehnsucht kann schnell Sucht werden. Und letztlich bleibt die Sehnsucht danach, dass das eigene Leben doch eine Bedeutung haben möge. Ein größerer Auftrag, für den man bestimmt ist. Eine Herausforderung, die das eigene Leben und das bloße Managen des Alltags weit übersteigt. Eine Mission, die Hingabe, ja, das ganze Leben fordert und anderen hilft – Menschen rettet. Doch wie kann Mann diese Sehnsucht leben?
Zwei Dinge scheinen mir für ein »männliches« Glaubensleben wichtig, ohne dabei den Anspruch zu erheben, dass sie nur für Männer gelten.
Rückzug in die Stille
Als erstes braucht es den Rückzug in die Stille. Dies meint kein totales Schweigen, sondern den Ort, wo der Mann ganz allein mit sich und Jesus sein kann. Ein Ort der schonungslosen Ehrlichkeit vor seinem Herrn, Retter und Freund. Viel zu wenig nehmen wir Männer uns diese Zeit. Dabei bildet diese Begegnung die Basis für alles.
Stille ist ein wirksames Mittel gegen das Definieren des Selbstwertes über die eigene Leistung. Auch wenn es noch so viel zu tun gibt, zeigt der Mann, einfach indem er sich diese Zeit nimmt, dass seine Prioritäten anders gesteckt sind und er mehr auf Jesus als auf seine eigene Leistung vertraut.
Doch vor allem ist es die Zeit der Begegnung mit dem wahren Vater. Es ist der Ort, wo Gott die Chance hat, dem Mann ehrlich sein Scheitern aufzuzeigen, aber auch zuzusprechen, wer der Mann durch Jesus wirklich ist. Hier kommt langsam ans Licht, was der Mann tatsächlich glaubt – über Gott und sich selbst. Wer bin ich? Bin ich ein richtiger Mann? Kann ich etwas verändern? Und hier können all die negativen und zerstörerischen Antworten, die der Mann auf diese Frage von außen erhalten und verinnerlicht hat, ans Licht kommen, mit all ihren Verletzungen. Und Gott spricht durch Jesus sein »Ja« zum ihm. Ja, du bist gewollt und mein. Ja, du bist ein ganzer Kerl. Ja, du kannst es schaffen und etwas verändern, weil ich in dir wohne. Diese Bejahung und bedingungslose Annahme birgt Heilung für die tief sitzende Unsicherheit und Angst vieler Männer. Denn damit Persönlichkeit wächst, braucht es Annahme und Liebe. Hier, in der Stille, allein mit dem Vater, kann daher langsam Vertrauen wachsen. Hier ist der Ort, wo primär die Angst und Unsicherheit des Mannes bekämpft werden.
Nutzen wir diesen Ort der Begegnung, die Zeit mit unserem wahren Vater, nicht, dann bleiben Unsicherheit und Angst zurück. Diese versuchen wir dann mit Masken und Lebensformen zu überdecken, und machen uns und anderen vor, wir würden das leben, was unsere Sehnsucht sucht. Wir werden zum Macho, der alles hinter Coolness verbirgt oder zum unbändigen Schaffer, welcher seine Leistung vorweist, anstatt sich selbst. Was es aber braucht, sind ehrliche und echte Männer, die um ihre Schwäche, ihre Verwundungen, ihr Versagen wissen und dazu stehen.
Bleibt diese Stille kein In-sich-Versenken und alleiniges Beschauen der eigenen Wunden, sondern ist Begegnung mit dem auferstandenen Christus, dann wird auch der Gefahr einer falschen »männlichen Selbstverwirklichung« vorgebeugt. Schnell kann der Mann durch Lektüre von Männerbüchern, Belecken der eigenen Wunden, Fokus auf seine Vergangenheit und der dadurch entstandenen Verletzungen, bei sich selbst bleiben. Erneut kreist er nur um sich (wie der Macho oder der Schaffer). Er hat zwar Mängel festgestellt, will etwas ändern, aber er konzentriert sich dabei auf ein bestimmtes Männerideal, das er durch bestimmte Methoden erreichen will. Doch beim Christsein geht es um Jesus, um »Christus-Verherrlichung«, nicht darum, dass wir ein bestimmtes selbst gesetztes Ideal erreichen. In Jesus wird dem Mann eine neue Existenz zugesprochen. Ein neues Sein. Er ist mit Christus gestorben und der auferstandene Jesus lebt in ihm (Römer 6, 1-11). Er ist in Jesus eine neue Kreatur (2. Korinther 5, 17). Er ist somit nicht mehr auf sich, seine Fähigkeiten und Voraussetzungen angewiesen, auch nicht darauf, dass er der Mustermann wird, sondern sein Blick richtet sich auf ein anderes Ziel und sein Vertrauen ist auf eine andere Grundlage gestellt: Jesus. Dies macht ihn frei von sich selbst und frei von falscher »männlicher Selbstverwirklichung«.
Es braucht also Stille, um schonungslos ehrlich zu werden und zu erkennen, wer man in Christus ist – ein Ort, eine Zeit, wo Vertrauen wächst. Und … Stille mit Jesus ist auch der Ort, wo der Mann seine Aufgabe empfängt. Dies führt uns zum Nächsten.
Konkrete Schritte in die Herausforderung
Ein Mann braucht Herausforderungen. Auch wenn sich irgendetwas in ihm ständig dagegen wehrt. Dennoch braucht er Anstrengung, einen Auftrag, eine Lebensaufgabe. Auch wenn es schädlich ist, wenn der Mann seine Bestätigung aus seinem Tun gewinnt, so hängen doch Leistung und Mann auf merkwürdige Art und Weise zusammen. Daher hat die Kombination aus Disziplinlosigkeit und Trägheit (einem Großteil der Männerwelt bekannt) mit der Versuchung, sich über Leistung zu definieren, totale Frustration und Resignation zur Folge.
Was er glaubt, das lebt der Mann. Darum ist Stille und das, was Gott ihm darin über ihn sagt, so wichtig. Aus dem (neuen) Sein folgt das (neue) Tun. Doch bleibt der Mann dabei, sich selbst in der Stille zu betrachten und dort ehrlich zu werden, sein Versagen, seine Schwäche einzugestehen und zu bekennen, ist dies nur eine Seite der Medaille. Bleibt es dabei, so bleibt er ein »ehrlicher Schlaffi«, der nichts verändert und dessen Leben von Bedeutungslosigkeit geprägt ist. Sind wir gestärkt in unserer Identität aus der Stille hervorgekommen, dann gilt es, sich den Herausforderungen zu stellen. Es gilt zu testen, wie sich die neue Identität im Alltag bewährt, was Jesus (im Mann) kann und ob er zu seinen Zusagen steht. Die Komfortzone ist zu verlassen. Nach Martin Luther kommt zum Gebet (oratio) und dem Nachsinnen über das Wort Gottes (meditatio) nun auch die Bewährung des Glaubens in den Herausforderungen (tentatio) des Alltags hinzu. Dies ist ein praktischer Schritt gegen Angst. Denn wenn man merkt, dass Vertrauen sich bewährt, wird Vertrauen gestärkt. Doch dies erfährt man nicht, wenn man im Bereich seines Gewohnten, seiner vermeintlichen Möglichkeiten, seiner Sicherheit bleibt. Kleine Herausforderungen angehen, lautet die Devise. Durch Jesus Alltag sehen lernen, ihn fragen, was zu tun ist und sich dann in Situationen begeben – konkret werden – wo er sich in einem bewähren muss. Das kann bedeuten, dass man eine bestimmte Person aufsucht, eine schon lange fällige E-Mail schreibt, ein unangenehmes Telefonat führt, eine Kritik, eine Beichte oder ein Lob ausspricht, man anfängt, Menschen anzuleiten, Verantwortung übernimmt, Ungerechtigkeit anspricht oder aufgeschobene Entscheidungen trifft. Alles, was konkret wird, wo man sich zu etwas entscheidet und Taten folgen, ist angreifbar und macht einen verletzbar. Aber darin besteht das Leben.
In diesen Kampf des Alltags tritt man am besten nicht allein. Jesus hat auch seine Leute zu zweit losgeschickt (Markus 6, 7; Apostelgeschichte 13, 2). Daher ist es gut, für Männerfreundschaften zu beten und sich um sie zu bemühen. Ich weiß, dass dies uns Männern nicht immer leicht fällt, aber es braucht diese Gefährten auf dem Weg.
Zum Schluss: »Mehr als alles behüte dein Herz!« (Sprüche 4, 23). Lass es durch Vertrauen in Jesus gegründet sein! So wie die Stille der Ort ist, wo Vertrauen in der Begegnung mit ihm wächst, so ist der Alltag der Ort, die Zeit, wo sich Vertrauen bewährt. ///
Themen der aktuellen The-Race-Ausgabe
Mann: Gott sei Dank - ich bin ein Mann
Bier, Mann und Gebrüll // Axel Brandhorst
Ehelicher Sex // Michael Hübner
Männerfreundschaft // Uli Marienfeld
Adam, wo bist du? // Axel Brandhorst
Erstmal Porno // Rolf Rietmann
Gefühlskrank // Steffen Stippl
Vorwärts Männer // Markus Eichler
Oratio et tentatio // Johannes Gerhardt
Nach dem Herzen Gottes // Jan Henkel
Macht im Reich Gottes // Aleko Vangelis
Er ist ein Mann // Mickey Wiese
Frau: Gott sei Dank - ich bin eine Frau
Thank God, I’m a woman // Linda Zimmermann
Ist Gott feminin? // Manfred Schmidt
Zwillinge // Anne Coronel
Quellen der Weiblichkeit // Sabine Vetter
Ich hab‘s getan // Esther Meier
Mauerblümchen oder Modepüppchen // Martina Bach
Die Frau schweige in der Gemeinde // Dr. Carl Simpson
Berufstätig oder Vollzeit-Mama? // Anneke Reinecker
Objekt // Franziska Arnold
Chronisch nett – typisch weiblich? // Kerstin Hack
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