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Dieser Artikel ist aus dran 1/2008

"Christen interessieren sich nicht für Aids." Bis vor wenigen Jahren hätte man dieser Behauptung kaum widersprechen können. Als das christliche Hilfswerk „World Vision“ 1999 eine Liste mit den drängendsten Problemen der Welt veröffentlichte, gehörten HIV und Aids nicht dazu. Es dauerte noch weitere drei Jahre, bis „World Vision", und mit ihnen die westliche Kirche, den Ernst der weltweiten Lage in Sachen Aids erkannte. Ich würde mich deutlich wohler fühlen, wenn dies nur das Versäumnis einer Organisation, ein peinlicher Einzelfall gewesen wäre. Wenn andere Kirchen, christliche Politiker und Hilfsorganisationen früher verstanden hätten, wie dringend wir uns um dieses Problem und die betroffenen Menschen kümmern müssen und dies auch getan hätten. Doch unsere Vergangenheit sieht anders aus.

Diagnostiziert wurde Aids zum ersten Mal Anfang der Achtzigerjahre. Da man zunächst glaubte, nur Homosexuelle seien von der Krankheit betroffen, gab man ihr den Namen „Gay Related Immune Deficiency“ („Immunschwäche bei Homosexuellen“). Doch recht schnell war klar, dass sich auch andere Menschen mit der rätselhaften Krankheit angesteckt hatten, vor allem Drogenabhängige und Prostituierte. Für viele Christen kam es nicht in Frage, sich auf dieses Problem einzulassen. Die große Mehrheit der Erkrankten waren Menschen, die in ihren Augen ein sündiges Leben führten. Es war daher leicht, die Krankheit als Strafe Gottes für einen Lebensstil zu betrachten und sich ansonsten nicht weiter darum zu kümmern.

Besonders in den USA, aber auch in frommen europäischen Gemeinden war die Meinung verbreitet, dass Menschen, die "sexuell unrein" lebten, von Gott mit Aids bestraft würden. Dahinter verbarg sich wohl die Angst, sich in zweifacher Hinsicht "anzustecken". Zum einen war noch nicht klar, wie Aids übertragen wurde. Viele fürchteten, sich selbst mit der unheilbaren Krankheit zu infizieren. Zum anderen hatten wohl manche, besonders in christlichen Kreisen, Angst vor "sozialer Ansteckung". Wer will schon öffentlich mit Leuten in Verbindung gebracht werden, die so offensichtlich sündig sind? "Jeder, der sich in den Achtzigerjahren um Aids-Kranke kümmerte, also um weiße homosexuelle Männer aus der Mittelklasse, der galt selbst als homosexuell", berichtet Peter Piot, Direktor des Uno-Programms "UNAIDS". Lange hatte man Schwierigkeiten damit, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen.

Aids berührt zwei Lebensbereiche, die bis heute nicht gerne öffentlich diskutiert wurden: Sexualität und Tod. Und Aids ist eine Krankheit, die eine Verbindung zwischen Sex und Tod darstellt. Dass sich unter diesen Umständen nur wenige auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema einlassen wollten, ist teilweise auch nachvollziehbar. Aus unserer Perspektive ist es jedenfalls schwer zu behaupten, dass man selbst anders reagiert hätte.

Heute, mehr als zwanzig Jahre später, ist die Situation eine ganz andere. Aids ist nicht mehr Sache einer kleinen Minderheit Homosexueller, Drogenabhängiger und Prostituierter. Offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit etwa vierzig Millionen Menschen mit dem Virus infiziert sind. Inoffiziell sprechen manche Hilfsorganisationen von der doppelten Anzahl Betroffener. Aids ist damit zu einer der größten Epidemien der Menschheitsgeschichte geworden.

Längst stimmt das Vorurteil nicht mehr, nur sexuell freizügig lebende Menschen seien betroffen. Immer häufiger stecken sich auch Menschen an, denen man kein falsches Verhalten vorwerfen kann. Besonders tragisch ist es, dass heute auch immer mehr Kinder geboren werden, die schon von Geburt an durch ihre Mütter infiziert sind. Selbst absolute Treue bietet diesen Menschen keinen Schutz mehr vor dem tödlichen Virus. Unter diesen Bedingungen weiterhin zu behaupten, Aids sei eine Strafe Gottes für sexuelle Unreinheit wäre verletzend und lieblos. Und selbst wenn sich Menschen durch eigenes Verschulden infizieren, tun wir Christen gut daran, nicht mit dem Finger auf sie zu zeigen. Debbie Dortzbach ist medizinische Spezialistin der christlichen Hilfsorganisation "World Relief" und bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: "Wenn wir doch einsehen würden, dass wir zwar vielleicht nicht alle HIV-positiv sind, dass wir aber an Jesu Kreuz alle 'Sünden-positiv' sind. Kein Mensch ist gerechter als ein anderer."

Jesus hat Kranke nicht verurteilt, sondern geheilt. Zu seiner Zeit waren es vor allem die Leprakranken, die doppelt unter ihrer Krankheit zu leiden hatten. Sie waren nicht nur unheilbar krank, sondern wurden auch noch von ihrem Umfeld ausgegrenzt und gemieden. Vielen Aids-Infizierten geht es heute nicht besser. Ich bin ganz sicher, dass Jesus sie als erstes aufsuchen würde. Er würde sie berühren, so wie er es -- zum Entsetzen vieler -- mit den Aussätzigen seiner Zeit tat. Jesu Vorbild heute zu folgen bedeutet, Kranken nicht auszuweichen, sie nicht zu verdammen, sondern ihnen Gottes Liebe und alle menschenmögliche Hilfe zukommen zu lassen.

Wie gut, dass sich diese Einsicht bei vielen Christen in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt hat. Die Kirche ist aufgewacht. Immer mehr Gemeinden folgen dem Vorbild Jesu in ihrer diakonischen Arbeit und fühlen sich aufgerufen, Aids-Kranke liebevoll anzunehmen und ihnen ihre Hilfe anzubieten. In den USA engagieren sich unter vielen anderem zwei weltbekannte Pastoren: Bill Hybels und Rick Warren treten öffentlich in den Kampf gegen Aids. Immer wieder betont Warren: "Es ist keine Sünde, krank zu sein." Mit seiner Initiative "The Peace Plan" will er weltweit eine Milliarde Christen dazu ermutigen, gegen die fünf größten Bedrohungen der Menschheit anzukämpfen. Aids steht dabei ganz oben auf seiner Liste. In seiner Gemeinde in Saddleback hielt er vor einigen Jahren eine große Aids-Konferenz ab, auf der Bill Hybels ganz persönlich seine Schuld bekannte, sich in all den Jahren der Gemeindearbeit viel zu wenig um Menschen gekümmert zu haben, die mit der tödlichen Krankheit infiziert sind.

Das "Aktionsbündnis gegen Aids" ist in Deutschland eines der größten kirchlichen Initiativen. In dem ökumenischen Netzwerk arbeiten über hundert Organisationen im Kampf gegen das Virus zusammen. Sie stehen hauptsächlich für Aids-Kranke gegenüber der Regierung ein und sorgen dafür, dass dieses Thema auf der politischen Tagesordnung erscheint. In vielen Städten gibt es Basisgruppen, denen man beitreten kann, um sich vor Ort zu engagieren. Im freikirchlichen Bereich hat die Evangelische Allianz die sogenannte "Micha-Initiative" ins Leben gerufen. Diese will mithelfen, die ehrgeizigen Millenniumsziele der UN bis 2015 Realität werden zu lassen. Die weltweite Eindämmung von Aids ist eines dieser Ziele. Auch "World Vision" räumt der Bekämpfung der Seuche inzwischen höchste Priorität ein. Seit 2003 hat die Hilfsorganisation Aufklärungskurse für rund fünfhundert Pastoren in zwanzig Ländern angeboten.

Der Einsatz vieler Christen kommt spät, doch die Aufgabe ist nach wie vor riesig und die Not steigt noch immer. Aids ist zu einer globalen Epidemie geworden, die das Leben unzähliger Menschen bedroht. Weil Gott sich um seine Schöpfung und Geschöpfe sorgt, kann es uns Christen einfach nicht egal sein. Ob wir Gottes Liebe glaubwürdig weitergeben zeigt sich an unserem Verhalten den Schwächsten gegenüber.

Im Moment ist es noch sehr unwahrscheinlich, dass die medizinische Forschung in absehbarer Zeit ein wirkungsvolles Mittel gegen das tödliche Virus entwickeln wird. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass das bislang hoffnungsvollste Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Impfstoffes gescheitert ist und aufgegeben wird.

Autor: Johannes Röskamp studiert Theologie und wohnt in Lüneburg

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