Die Zugfahrt
16.04.2008, Vor ein paar Tagen fuhr ich mit meiner Mutter im Zug nach Hamburg. Ich war etwas genervt, weil nichts so klappte, wie ich es mir gewünscht hatte. Und mit den Eltern zu reisen, ist nie einfach. Ständig wollte meine Mutter unterhalten werden, während ich mein Buch lesen und in aller Ruhe Musik hören wollte.
Gänzlich abenteuerlich wurde es, als wir umsteigen mussten. Hatten wir vorher noch einen Viererplatz für uns allein, standen wir nun zuerst eine Viertelstunde im Regen und mussten anschließend im Zug erkennen, dass es weit und breit keinen Sitzplatz für uns gab. Eine volle Stunde bis Hamburg Hauptbahnhof lag vor uns…
Eingekeilt zwischen meiner Mutter und der Zugtür machte ich mich wieder über mein Buch her. Mit jeder Station wurde es allerdings schwieriger zu lesen. Es wurde immer voller. Etwa nach einer halben Stunde stieg eine Mutter mit ihrem Sohn ein. Während sie sich an der Tür festhielt, sprang der Junge immer wieder vor ihr herum. Er stand mir in der Seite. Und dabei immer wieder auf dem Fuß oder - wenn ich mich drehte - im Hacken. Ab und an lehnte er sich auch gegen mich und brabbelte weiter. Mit leichtem Druck versuchte ich ihn von mir abzuhalten. Denn ich wusste echt nicht, was und ob ich etwas sagen sollte.
Mit jeder Minute aber wurde ich nervöser, hibbeliger und das Schlimmste: Ich war völlig entnervt.
In diesem Moment fiel mir Gott ein. Und ich fragte mich, wie es ihm wohl geht, was er wohl über uns denkt. Ich stellte mir vor, das ganze Zugabteil würde jetzt dafür beten, einen Platz zu bekommen. Was würde Gott sagen, denken, fühlen? Ist er von uns vielleicht auch derart genervt, weil wir ihm immer wieder auf die Füße treten? Irgendwie musste ich bei diesem Gedanken schmunzeln - hat Gott doch selbst gesagt, dass er nie wieder die Geduld verlieren und die Welt verwüsten will. Wenn ich mir vorstelle, wie oft ich Gott mit belanglosen Kleinigkeiten quäle… Und trotzdem sagt er, es sei okay.
Die Geschichte im Zug war an diesem Punkt nicht zu Ende. Wie gesagt: Ich versuchte, den Jungen immer wieder auf Abstand zu halten; doch schaute ich hinunter, blickten mich kleine blaue verzweifelte Augen an. Und er tat mir leid. Irgendwann kamen wir dann in Hamburg an. Der Junge machte freudig die Tür auf und wollte schon hinausspringen, doch seine Mutter hielt ihn zurück. Denn vor ihm galt es eine Schlucht von vielleicht 30 Zentimetern zu überwinden, zusätzlich auch noch einen Höhenunterschied von vielleicht 20 Zentimetern. Gar nicht so einfach für jemanden, der den Erwachsenen kaum bis zum Bauchnabel reicht.
Ich machte sofort Anstalten, ihn über die Schwelle herüberzuheben. Und musste unwillkürlich wieder an Gott denken: Wäre der kleine Junge einfach drauflos gelaufen, so wäre er wahrscheinlich über diese Hürde gestolpert und hingefallen. Ich stehe selbst immer wieder vor solchen Hürden - sei es nun vor schweren Aufgaben, Problemen oder wirklich vor Schluchten meiner selbst. Meist selbst verschuldet.
Doch so entnervt Gott von uns vielleicht auch sein mag: Er ist da und hält sein Versprechen. Er lässt mich nicht in diese Schluchten fallen, sondern fängt mich wieder auf, hilft mir hoch.
Und zwar genau dann, wenn er es für richtig hält.
Nadine Bauerfeind