Es ist Mittwochmorgen, sieben Uhr.
Der Wecker klingelt und Nadine springt - etwas weniger als schlaftrunken - aus dem Bett und ab ins Bad. Gefühlte zehn Minuten - Augen wischen, mechanisches Zähneputzen, Haare kämmen und was weibliche Wesen sonst noch tun - später geht es los. Schlüssel ins Fahrradschloss. Schloss klemmt. Erster Wutanfall. Drei Minuten vergeudet.
Dann ab zum Magenfüller der Fabrik des Backens. Brötchen kaufen und Wutanfall Nummer zwei produzieren. Das Schloss klemmt wieder und geht nun gar nicht mehr auf. Die knapp 800 m bis zur Fakultät werden zum unüberbrückbaren Desaster. Fünf Minuten Kampf mit diesem verflixten Fahrradschloss und das Wissen, dass etwa zwei Stunden später Wutanfall Nummer drei entstehen wird - schließlich muss ich das Fahrrad irgendwann ja auch wieder anschließen
Aber was tun? Fahrrad einfach stehen lassen ist zu gefährlich. Greifswald ist eine Studentenstadt- laut Hausmeister kommt es dann schon mal zum allseits beliebten Fahrrad-Surfing. Geht also nicht. Tragen kommt auch nicht mehr in Frage. Das hatte ich schon in der letzten Woche, als der hintere Reifen platzte - fünf Kilometer Fahrrad schleppen!
Nein, da hilft nur eines - Geduld, Spucke und liebe Worte zu einem Fahrradschloss. Wer mich bis jetzt noch nicht für verrückt erklärt hat tut es wohl jetzt. Ja, ich gestehe, ich habe mit meinem Fahrradschloss geredet. Der Witz an der Sache: kaum kamen die Worte "Lieb und gut" über meine Lippen, schon schnappte dieses Ding auf.
Immerhin konnte ich mir so meine Spucke sparen - Scherz - und mein Geduldsfaden blieb auch noch ganz. Nur das Schloss hat den nächsten Tag nicht mehr erlebt. Zweite Chancen gibt es in so einem Fall bei mir nicht.
Allerdings wünschte ich mir auch, etwas anderes würde den nächsten Tag oder die nächsten Stunden nicht mehr erleben - nämlich meine Ungeduld. Mit dieser werde ich irgendwie immer wieder konfrontiert.
Es muss immer alles schnell-schnell gehen. Doch das ist einfach nicht immer möglich. Es gibt einfach Dinge, die mich an meinen Plänen hindern können. Sei es nun, pünktlich in der Uni anzukommen oder sonst eine Aufgabe zu erledigen. Es bringt ziemlich wenig, dann aus der Haut zu fahren.
Manchmal ist es einfach mal dran, sich in Geduld zu üben und Kompromisse einzugehen.
Dazu fällt mir die Geschichte von Paulus ein. Ungewöhnlich vielleicht an dieser Stelle. Er, der unter den Römern als Saulus Christen verfolgte, war auch ein sehr ungeduldiger Mensch, immer auf dem Sprung und immer vorne an. Nur hatte er nicht mit Gott gerechnet, der ihn ganz schnell einfach nach ganz hinten stellte und ihn erblinden ließ. Spätestens da musste er sich in Geduld üben. Gott hat sich einiges einfallen lassen, um Paulus zu beweisen, dass es ihn gibt. Was genau, das findet ihr vor allem in der Apostelgesichte. In 2. Tim 3 sagt Paulus später jedenfalls: „An mir wollte Jesus Christus zeigen, wie groß seine Geduld mit uns Menschen ist." - Geduld und die Ermordung von Christen scheint hier nicht zusammen zu passen - aber die unendliche Geduld am Kreuz jawohl auch nicht.
Paulus war ein kaputtes Schloss, blind und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Doch kaum kommen Gott die Worte "lieb und gut" in den Sinn, so könnte man sagen, so beginnt auch Paulus zu erkennen, was gut ist. Gott kann das bewirken. „An meinem Beispiel soll jeder erkennen, dass wirklich alle durch den Glauben an Christus ewiges Leben finden können", sagt Paulus weiter.
Für mich heißt das, dass ich aufpassen muss, nicht selbst ein störrisches altes Schloss zu werden, nachdem Gott mich doch sehend gemacht hat. Ich kann und soll mich dem ewigen Leben zuwenden und es weitergeben. Dabei können eigene Launen leicht ein Hindernis werden. Geduld im Umgang mit anderen ist da genauso gefragt wie die Worte "lieb und gut", die ich einem Menschen zusinne, der vielleicht nicht ganz oben auf meiner Sympathieliste steht. Wie sonst soll mich ein Mensch, der Gott nicht kennt, als der erkennen der ich bin - ein Fahrradschloss Gottes, mit kleinen Macken?