Neuland
Meine letzten Tage in Hamburg waren wider Erwarten doch sehr ereignisreich. Ich war viel unterwegs, denn ich wollte die Stadt, in der ich fünf Monate gelebt hatte, zum Schluss doch noch etwas genauer unter die Lupe nehmen.
Dabei ist mir aufgefallen, dass es mehr gibt als den täglichen Weg zur Arbeit. Am Sonntag machte ich mich auf zu einer Erkundungstour entlang der Elbe: ab in die S-Bahn und anschließend auf die nächst beste Fähre. Ziel unbekannt. Ich wollte einfach nur schauen, wo ich ankomme. An jeder Haltestelle betrat ich Neuland.
Darunter auch Övelgönne, eine nette kleine Elbinsel. Schon von Weitem sah ich gleich neben dem Museumshafen einen etwa 200 Meter breiten Sandstrand. Bei 30 Grad im Schatten wollte ich nichts lieber als dort liegen. Gesagt, getan. Ich stieg aus und wenige Minuten später stand ich mit den Füßen im Wasser.
Nach anderthalb Stunden Sonnetanken ging meine Fahrt weiter. Erst jetzt entdeckte ich, dass der Strand viel weitläufiger ist, als ich zuerst gedacht hatte. Von wegen nur 200 Meter: Über eine Länge von etwa einem Kilometer oder mehr erstreckte sich das Strandgebiet! Ein Platz schöner als der andere! Doch obwohl ich mir die das Meiste gar nicht angesehen hatte, kam in mir nicht das Gefühl auf, etwas verpasst zu haben. So ist das im Leben.
So ist das mit jeder Entscheidung, die ich treffe. Vor kurzem stand ich vor der entscheidenden Wahl: Studium oder Job? Nach langem Hin und Her entschloss ich mich fürs Studium. Doch auch da gab es viele verschiedene Angebote. Ich ließ mir mehrere Wege offen, denn ich wollte keine falsche Entscheidung treffen.
So was geht aber nur eine zeitlang. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem ich einen Weg einschlagen und einen anderen links liegen lassen muss.
Als ich vor der Entscheidung stand, fand ich den Gedanken, ein Studium zu beginnen, toll. Doch ich hatte nur einen kleinen Ausschnitt von dem vor Augen, was da auf mich zukommt. Ist es wirklich das, was ich will?, fragte ich mich. Welche Zukunftschancen stecken dahinter? Einer von hunderten überqualifizierten Arbeitslosen will ich nicht werden. Ich steigerte mich da richtiggehend hinein und verlor den Überblick.
In all diesem Chaos vergaß ich mal wieder eines – Gott. Seine Zusage für mich hatte ich ausgeblendet. Nicht umsonst spricht er mir zu: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, wohin du auch gehst!“
Gott hat einen weit aus besseren Überblick über mein Leben als ich selbst. Er hat den Plan für mich gemacht, schon bevor ich auf diese Welt kam. Und doch traute ich ihm oft nicht zu, dass er aus meiner Entscheidung das Richtige machen wird. Ich als Mensch bleibe lieber bei dem, was ich kenne, statt mich in unbekannte Gefilde vorzuwagen und auf Entdeckungstour zu gehen. Auf dem Weg zur Arbeit erlebt man doch auch was… Okay, es sind immer die gleichen Orte und Plätze, an denen ich vorbeikomme, und mit der Zeit kenne ich auch alle Menschen, die da jeden Tag den Fußweg langgehen, um in ihre Büros zu kommen. Kann sein, dass ich das irgendwann als langweilig empfinde, aber immerhin: Ich muss nichts Neues ausprobieren, keine Risiken eingehen.
Doch das ist es nicht, was Gott für mich möchte.
Er will, dass ich über meinen Schatten springe. Neuland betrete. Neue Erfahrungen mache. Was letztlich dabei rauskommt, liegt nicht immer bei mir. Ich bin sicher, Gott führt mich auf meinem Weg genau dorthin, wo er mich haben möchte. So ergeben viele meiner Erfahrungen, Entscheidungen und eingeschlagenen Wege für mich erst im Nachhinein Sinn, das muss ich immer wieder feststellen.
Alles was ich machen muss, ist: Ich muss bereit sein, den ersten Schritt zu tun. Mich auf Gott einzulassen und auf ihn zu vertrauen.
Gerade wenn die Situation, in der ich stecke, nicht einfach ist, gilt sein Zuspruch:
“Denn ich bin bei dir, dass ich dir helfe.“ (Jer 30,11)