Warten auf die Verheißung
Warten - Dieses Wort hat viele Bedeutungen.
Zum Beispiel kann ich auf jemanden oder etwas warten. Eine Nachricht, die auf sich warten lässt. Ich könnte auch mein Auto warten, wenn ich eines hätte. Stattdessen wartete ich am Mittwoch in einem Warteraum, genauer gesagt in einem alten Hörsaal der Uni mit etwa 299 Mitstudenten. Die erste Lektion eines Erstis in der Erstsemesterwoche heißt: na? – Genau: warten lernen.
Nach einem langem und wartereichen Tag wollten meine Mitbewohnerin und ich am Abend die Sternwarte der Uni besuchen. Um 21.30 Uhr standen wir vor der Tür. Glück gehabt, die Anzahl der Leute war gering. Sie verdreifachte und verfünffachte sich allerdings in der kommenden halben Stunde. Mit soviel Andrang hatten die Betreiber nicht gerechnet, passen doch nur 20-30 Leute in den Aussichtspunkt. So landeten wir in dem alten muffigen Hörsaal, der auch nach anderthalb Stunden seine Eigenschaften als solcher nicht verlor. Es war halb zwölf, als wir dort wieder herauskamen und endlich zur Treppe durften.
Etliche Leute waren schon gegangen, nur wir blieben noch – und wir blieben standhaft. Denn als wir am oberen Ende ankamen, standen dort noch etwa 60-80 Studenten. Das machte pi mal Daumen noch eine Wartezeit von mindestens 40 Minuten.
Ich wurde ungeduldig und innerlich zwiespältig. Einerseits wollte ich hier unbedingt rein. Schließlich war ich noch nie in einer Sternwarte (die ihren Namen übrigens nicht von „warten“, sondern von „bewahren“ hat). Andererseits aber tat mir tierisch der Rücken weh, mein Blick wurde langsam tunnelartig, meine Füße wollten mich nicht mehr tragen und die Leute um mich herum nervten mich an.
So ungefähr muss es den Jüngern Jesu das ein oder andere Mal auch ergangen sein. Sie wussten um die Verheißung (in meinem Fall das Beobachten der Sterne). Jesus selbst erzählte ihnen immer wieder davon. Trotzdem wurden sie ungeduldig. Ich könnte mir auch vorstellen, dass noch einige Leute mehr, die Jesus begleitet haben, irgendwann gegangen sind, weil es ihnen einfach zu viel wurde mit dem Rumreisen und der Warterei. So wie mir in diesem Turm.
Immer wieder quengelte ich rum: „Noch fünf Minuten! Wenn sich bis dahin nichts tut, bin ich weg!" Was soll ich sagen - jedes Mal rutschten wir nach vier Minuten zehn Stufen weiter ans Ziel. Wenn man von den zwanzig Minuten dazwischen, in denen ich neue Hoffnung geschöpft hatte, mal absieht. Jedenfalls standen wir schließlich vor der Eingangtür und durften... nicht rein! Meine Geduld war am Ende. Ich war kurz vorm Durchdrehen.
Und mittendrin Jesus, der sich später im Garten Gethsemane über seine Jünger beugt und feststellt, dass sie schlafen anstatt zu warten. Er sagt: „Bleibt so lange hier, bis in Erfüllung gegangen ist, was euch der Vater durch mich versprochen hat" (Apg 1,4). Die Jünger warteten auf die Verheißung des Heiligen Geistes und auf Jesu Wiederkehr. Sie erwarteten das für sie Gute jederzeit. Ich aber war irgendwie nicht mehr fähig zu warten. Schon gar nicht zu erwarten.
Umso überraschter war ich also, als wir nur einen Augenblick später noch mit in die Sternwarte hineinrutschten, uns der ganze Ablauf erklärt wurde und ein paar Sterne durch das Teleskop gezeigt wurden. Ich bekam Gottes Werk des vierten Tages zu sehen – toll!
Doch was ist mit den Jüngern und vor allem was ist mit mir als Christ? Was erwarte ich von Gott? Habe ich die Geduld, auf das für mich Gute zu warten oder bekommt Gott meine Ungeduld immer wieder zu spüren? Die Jünger bekamen den Heiligen Geist, wie wir auch heute noch und sie sahen den auferstandenen Jesus. Doch auf seine Rückkehr und auf das Ende der Welt warteten sie vergebens. Zum Glück, würde ich sagen, denn sonst könnte ich mich heute nicht im Warten auf Gottes noch unvollendete Verheißungen mir gegenüber üben. Wie heißt es so schön: Unverhofft kommt oft. Und Gott hat noch nie eins seiner Versprechen gebrochen.
Nadine