Die Rückkehr zur Menschlichkeit
Es ist Sonntag, der 15. November 2009. Die Sonne strahlt über dem Norden Deutschlands. Im Fußballstadion von Hannover lässt sie einen Sarg in ihrem Licht leuchten. Ein Sarg, reichlich geschmückt mit weißen Rosen, positioniert in der Mitte des Rasens, am Anstoßpunkt.
Der Torhüter Robert Enke hat sich Tage zuvor das Leben genommen. Enke selbst hat seinem unerträglichen Kreislauf aus schweren Depressionen ein Ende gesetzt. Heimlich, still und leise hat er über Jahre gekämpft, an der Seite seiner Frau Teresa. Nur an ihrer Seite. Die Angst vor der Härte der Öffentlichkeit und dem Urteil der Medien hat ihn davon abgehalten, seine Krankheit öffentlich zu machen. Seine Schwachheit zu bekennen.
Vielleicht wäre dies schon vor seinem Tod die Rückkehr zur Menschlichkeit gewesen.
Zehntausende nehmen in diesen Tagen Abschied von Robert Enke. Bewegende Andachten, ein Trauermarsch durch Hannovers Innenstadt, ein Blumenmeer vor dem Stadion und letztlich eine Trauerfeier im Stadion – eine der größten, die Nachkriegsdeutschland bis dato gesehen hat, so sagt es der Kommentator im Fernsehen. Persönlichkeiten finden bewegende Worte. Die Fans zollen Respekt und bringen ihren letzten Applaus für einen fabelhaften Torhüter.
Ist die Anteilnahme Zehntausender nur die Trauer um den Verlust eines Sportlers? Ist es die Fassungslosigkeit darüber, dass Enke seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat? Oder ist es gar die Hilflosigkeit darüber, dass jahrelang niemand von der seelischen Erkrankung dieses Mannes gewusst hat?
Die Trauer zehntausender Menschen weist die Rückkehr zur Menschlichkeit.
In Tagen wie diesen frage ich mich: In was für einer Gesellschaft lebe ich, in der keine Schwäche gezeigt werden darf?
Ich habe es selbst erlebt. Lange Jahre immer unterwegs im Dienst für den Herrn, überall dabei, im Studium mehr als genug gegeben. Um irgendwann diesem Satz unausweichlich gegenüber zu stehen: Ich kann nicht mehr!
Ich habe es erlebt in meinem Umfeld.
Eine Frau, die jahrelang gelitten hat und sich nicht getraut hat, ihrem körperlichen Schmerz Ausdruck zu verleihen.
Ein Mann, dessen Gutmütigkeit seinen Peinigern Tür und Tor zu seiner Seele geöffnet hat. Tritte bis zum Zusammenbruch und dem Eingeständnis: Ich halte das nicht mehr aus!
Manager, Angestellte, Ärzte und Lehrer, die ihre Kraft aus Medikamenten schöpfen und ihre Versagensängste und Müdigkeit mit Drogen betäuben.
Und dann sind da noch die Pastoren und Prediger, die für die Seelen anderer sorgen und darüber ihre eigene vergessen. Um irgendwann vor den Scherben ihrer Existenz zu stehen und vor der Einsicht: Ich schaffe das alles nicht mehr!
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Während der Trauerfeier im Stadion von Hannover 96 erinnert der katholische Pfarrer Heinrich Plochg an die Schattenseiten des Lebens. Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehörten dazu. Das seien keine Schwächen, die man wegtrainieren könne, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt.
Er hat sie in Worte gefasst, die Rückkehr zur Menschlichkeit.
Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, mahnt in seiner Trauerrede zum Blick über den Sport hinaus und gesteht dem Menschen Zweifel und Schwäche zu.
Seine Wegweisung zur Rückkehr zur Menschlichkeit.
„Wer seine Angst zeigt, der ist nicht schwach, der ist stark.“ So sagte es der Hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil bei der Trauerfeier von Robert Enke.
Ein weiterer Satz, der uns den Weg weist zurück zur Menschlichkeit.
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Beim Niederschreiben meiner Gedanken frage ich mich langsam, was Menschlichkeit eigentlich ist. Eine angemessene Antwort auf diese Frage füllt Bücher. Eines scheint mir aber sicher: Schwachheit gehört untrennbar zur Menschlichkeit dazu.
Der Apostel Paulus steht mutig zu seiner Schwachheit. Er bekennt sich zu seinem „Pfahl im Fleisch“, was auch immer das sein mochte. Sicher ist: Er ringt mit diesem Pfahl, der ihn so schwächt. In seinem Leiden hört Paulus dann diese Worte seines Herrn:
„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“ (2Kor 12,9)
Das sind Gottesworte, die uns allen gelten!
Schwäche zulassen, damit die göttliche Stärke glänzen kann.
Schwäche zulassen, damit der Mensch Mensch sein kann.
Das sind Worte, die unsere Gesellschaft prägen sollten!
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Eines erkenne ich in diesen Tagen ganz neu: Gesundheit ist nicht alles im Leben. Schule ist nicht alles im Leben. Arbeit ist nicht alles im Leben. Auch der Dienst für den Herrn ist nicht alles im Leben.
Sondern: Der Herr Jesus Christus selbst ist alles im Leben! Wer das erkannt hat, der hat Anteil an der göttlichen Stärke, die der menschlichen Schwachheit mutig Raum gibt in einer Welt, in der allzu oft Menschlichkeit mit Stärke verwechselt wird.
Selbst für Menschen, die mit dem christlichen Glauben wenig anfangen können, ist diese Erkenntnis wichtig. Es gibt etwas, das wichtiger ist im Leben. Man mag es mit Liebe, Glück oder Gesundheit beschreiben. Für Schwachheit jedenfalls, das soll das Fazit dieser Tage sein, muss es immer Raum geben. Immer, überall und für jedermann.
Das ist die Rückkehr zur Menschlichkeit, die uns der Freitod Robert Enkes ermöglicht hat. Davon bin ich überzeugt. Über meinen christlichen Glauben hinaus.
Ich selbst bin auf dem Weg zurück zur Menschlichkeit. Und so mancher geht mit mir in diesen Novembertagen des Jahres 2009.
Tina Tschage