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Man kann sie verbiegen, verschweigen, relativieren. Nur abschaffen kann man sie nicht. Zum Glück! Die Wahrheit hat es heutzutage nicht gerade leicht. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts machte Oswald Spengler die trockene Bemerkung: „Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört.“ In diesen Tagen singt die deutsche Popband Rosenstolz zynisch: „Wahrheit ist doch nur was für Idioten“. Absolute Wahrheit gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, würden wir es nie erfahren - das scheint heutzutage die Grundüberzeugung sehr vieler Menschen zu sein. Wie ist das möglich, dass einerseits ein Leben ohne Wahrheit in Schule und Beruf, im Familienleben und in den Gerichtssälen überhaupt nicht denkbar ist, andererseits die Menschen gegenüber der „Wahrheit“ so misstrauisch sind? Bestimmt hängt es damit zusammen, dass die Wahrheit eine lange und nicht immer ruhmreiche Geschichte hat. Im christlichen Abendland stützte sich über viele Jahrhunderte hinweg das Wahrheitsverständnis auf das jüdisch-christliche Weltbild, nach dem Wahrheit die Übereinstimmung einer sprachlichen Aussage mit der Wirklichkeit ist. Eine Aussage (z.B. „Es regnet“) ist genau dann wahr, wenn sie einem Sachverhalt entspricht (wenn es also tatsächlich regnet). So gilt es heute beispielsweise als selbstverständlich, dass es keine absoluten moralische Werte gibt. Der Philosoph Harry Frankfurt konnte außerdem zeigen, dass sich in der Gesellschaft immer mehr „Bullshit“ ausbreitet. Unter Bullshit versteht Frankfurt Aussagen, die vortäuschen, um Wahrheit und Aufrichtigkeit bemüht zu sein, für deren Absender jedoch letztlich ein Wahrheitsbezug belanglos ist. Aber nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für den Glauben und das Missionsverständnis hat die Umdeutung der Wahrheit Konsequenzen. „Was du glaubst, ist deine Sache, und was ich glaube, ist meine Sache.“ So denken heute viele Leute und weisen damit darauf hin, dass es in den Fragen des Glaubens nicht um Wahrheit und Richtigkeit, sondern um Tradition und um den persönlichen Geschmack geht. Natürlich ist eine Glaubenswahrheit etwas anderes als objektive Richtigkeit. Sachverhalte, wie zum Beispiel die Richtigkeit von mathematischen Gleichungen, lassen sich feststellen, ohne dass ich von dem Ergebnis persönlich betroffen bin. Die Wahrheit des christlichen Glaubens ist dagegen nur erkennbar und erfahrbar, wenn ich mich willentlich auf eine persönliche Beziehung mit Gott einlasse. Stell dir einmal vor, du bekommst einen Brief, in dem dir ein Mensch, den du sehr magst, gesteht, dass er dich lieb hat. Zu wissen, dass dich jemand aufrichtig liebt, kann dein ganzes Leben verwandeln. Wer sich geliebt und angenommen fühlt, entwickelt eine andere Sicht für sich selbst und die für Welt. Solch eine Erkenntnis ist also weit mehr als das Wissen um einen objektiven Sachverhalt. Aber ist so eine berührende Erfahrung wirklich etwas total anderes, als ein objektiver Sachverhalt? Ist es nicht bedeutsam, dass es den Menschen, der den Brief verfasst hat, auch wirklich gibt (Richtigkeit)? Ist es nicht von elementarer Wichtigkeit, dass dieser Mensch auch denkt, was er in diesem Brief aufgeschrieben hat (Wahrhaftigkeit)? Ron Kubsch
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